Willkommen im Traumwald
Mythen und Märchen

der Traumspiegel

Die Spiegel der Namenlosen
Geschichten aus der Traumzeit

Der Spiegel der Träume

Der Spiegel der Träume – wer ihn besaß, hatte die Macht über die Sterblichen, die ihr eh schon so begrenztes Leben damit verbrachten, ihren Träumen hinterher zu laufen.
Auch Assin, König des langsam zerfallenden Königreiches Garmis im Süden der Akronberge, war sterblich. Und trotzdem – oder vielleicht gerade deshalb – faszinierte ihn die Macht dieses Spiegels so sehr. Einmal nicht nur ein Mensch sein. Sondern unsterblich, auch wenn nur in den Legenden der Menschen.
Wenn Assin durch die langen und dunklen Flure seines Schlosses ging, vorbei an den Bildern längst vergessener Könige, die vor ihm geherrscht hatten, ertrug er den Gedanken nicht, irgendwann auch nur noch ein namenloses Gemälde zu sein, das in einer Reihe geordnet hing und verstaubte. Nacht für Nacht schritt er an ihnen entlang. Er verachtete sie – sie alle, wie sie dort hingen.
Sein Weg endete in fast all diesen Nächten in der großen Bibliothek, die unzähligen Bände umfasste und deren Regalen so weit in die fensterlose Dunkelheit des Raumes reichten, dass ihr oberes Ende nicht mehr zu sehen war. Immer wieder blätterte er in den Büchern, die bereits seine Vorfahren begonnen hatten zusammengetragen und die alle niedergeschriebenen Begebenheiten und Berichte über den Spiegel seit Menschen Gedenken enthielten.
Vor Jahren schon hatte er selbst Schreiber ausgesandt, auf das sie alles suchen und aufschreiben mögen, was sie über den Spiegel in Erfahrung bringen konnten. Und immer wenn sie zurückkehrten, verschloss er sich für Wochen in seiner Bibliothek und las, was sie für ihn zusammengetragen hatten. Und je mehr er las, desto mehr war es, als riefe ihn jemand. Eine zarte und doch fordernde Stimme. Sie rief ihn hinaus – weit in den Norden, in die Berge Akrons. Dort, versteckt unter den dichten Wäldern und kargen Felsen des Gebirges, so besagten es die alten Geschichten, würde er eine andere Welt finden und in dieser den Traumspiegel.
Er konnte die Geschichten, die er über den Spiegel gelesen oder gehört hatte, kaum noch zählen. Und jede Nacht, die Stimme, die ihn rief. Er war besessen von dem Gedanken, ihn zu besitzen. Er musste ihn haben!
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Auch in dieser Nacht kehrte ein Kundschafter nach Magrin zurück.
Das Pergament in seinen Händen schien das einzige zu sein, das von dem durchdringenden kalten Regen verschont geblieben war.
Hastig riss Assin dem Schreiber die gebündelten Blätter aus den halb erfrorenen Händen, ohne ihn auch nur eines Blickes zu würdigen und lief wortlos, mit langen Schritten in die Bibliothek.
Drei Männer folgten ihm wie Schatten und bereit ihm jeden Wunsch zu erfüllen.
„Macht Licht! Zündet die Kerzen an, ich brauche mehr Licht!“, befahl Assin. Seine Stimme war von eben jener Dunkelheit, die er so sehr hasste und ließ die Bibliothek noch düsterer und noch unheimlicher erscheinen, als sie es schon war. Und während die Finsternis des Raumes vom Licht der Kerzen bald in weichen roten Schein verwandelt sein würde, würde die Düsternis seiner Worte noch zwischen den Wänden hängen bleiben. In Windeseile hatten die drei Diener, alle zur Verfügung stehenden Kerzen entzündet. Sie wussten sehr wohl, dass es ihrem König nie hell genug sein würde. Aber dieser hatte bereits vergessen, dass sie bei ihm in der Bibliothek waren.
Überall lagen Bücher, Pergamentrollen und auf dem großen Tisch in der Mitte des riesigen Raumes stapelten sich Blätter mit Notizen. Mit einem Streich seines Arms fegte Assin ein Stück des Tisches frei und warf dabei achtlos ein paar Bücher herunter, die noch auf dem großen aus Eiche geschnitzten Schreibtisch lagen. Für einen Moment sah man einige zarten Blumenintarsien auf der Platte. Dann setzte er sich, ganz langsam, weil er während dessen bereits das Pergament ausbreitete und zu lesen begann. Hin und wieder tauchte seine linke Hand ohne hinzusehen eine Feder in das kleine Tintenfass, welches er auf dem Tisch hatte stehen lassen, und machte sich Notizen. Er kritzelte auf den Rand des Pergaments und wenn dort nicht mehr genug Platz war, schrieb er auf Zettel und Buchseiten, die gerade greifbar waren. Wenn ihm etwas besonders wichtig erschien, dann zog er mit der Feder einen dicken Strich unter die Schrift auf dem Pergament.
Während dieser Zeit schlief er nicht einen Moment und das Essen und Trinken, dass ihm die Diener hinstellten, beachtete er kaum. Mal hielt er eine Gabel stundenlang in der Hand, ohne sie zum Mund zu führen, weil er über die Bedeutung eines einzigen Wortes oder Satzes nachdachte. Die dunklen Ringe unter seinen funkelnden schwarzen Augen und sein hageres abgemagertes Gesicht verliehen seinem Aussehen etwas Unheimliches. Selbst seine Diener erschauderten von Zeit zu Zeit, wenn sie ihn ansahen. In jenen Nächte, in denen er regungslos über den Büchern saß und bestimmte Textstellen immer und immer wieder kaum hörbar vor sich hin murmelte, als wären es magische Worte. Und die Männer fürchteten, es wären Verwünschungen, die das Land noch mehr ins Unglück stürzten würden. Das Volk von Garmis war schon seit vielen Jahren der Überzeugung, ihr König besäße die Macht, Magie zu beschwören. König Assin scherte sich nicht um das Gerede des Volks. Und ebenso gleich war ihm das Wohlergehen des Landes selbst oder sein runtergekommenes Schloss.

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In dieser Nacht, der Morgen graute bereits und die Kerzen waren heruntergebrannt, blickte er sich plötzlich um. Ihm war, als ob die Bibliothek kleiner geworden wäre. Viel zu eng. Das Atmen viel ihm schwer. Er ertrug diese Mauern nicht mehr. Er musste ins Freie. Etwas zog an ihm, zerrte ihn hinaus. Nicht irgendetwas; er wusste genau was es war – es war der Spiegel!
Er musste sich zwingen weiterzulesen und nicht sofort hinaus zu rennen. Der Bericht von Zerian, seinem Kundschafter, war zu wichtig, um ihn nicht genau zu prüfen. Er spürte, dass er der Antwort auf seine Fragen so nahe war, wie noch niemals zuvor. Zerian hatte sich weit nach Norden in die Berge gewagt. Er war bis zu jenen kleinen Dörfern gekommen, die nur eine Tagesreise vom Berg Siran entfernt waren. Es war der höchste Berg der Akronberge. Sein Gipfel war stets in Nebel gehüllt und die Menschen wagten sich nur selten in seine Nähe. Umso mehr Legenden rankten um diesen Ort. Über die Wolfwer, die dort oben lebten. Seit dem Anbeginn der Welt – Sie hätten die Zeit erlebt, in der der große Spiegel der Göttin zerbrochen war und der Spiegel der Träume in die Berge fiel und in der Unterwelt versank. Die älteste und weiseste der Wolfwer solle seit jener Zeit noch immer auf dem Berg Siran leben.
„... die älteste und weiseste... seit jener Zeit...die älteste und weiseste...“flüsterte er kaum hörbar und seine Augen begannen zu leuchten, während hinter ihnen eine Idee Gestallt annahm. Mit einem Ruck fuhr er herum. Der Staub, der sich in den Tagen der Ruhe auf ihm und seinen Büchern und Blättern abgelegt hatte, wirbelte in die Luft und glitzerte im Kerzenschein. Die drei Diener, die im Halbdunkel mit der Einrichtung der Bibliothek verschmolzen waren und stetig bemüht waren, das Licht nicht verlöschen zu lassen, erschraken sichtlich.
„Mein Heerführer! Radan? Er soll umgehend zu mir kommen!“
Verwundert sahen die Diener sich an, denn es war das erste Mal, dass ihr König den Heerführer oder überhaupt einen anderen seiner Untertanen sehen wollte, oder gar Notiz von ihnen genommen hätte. Doch es war ein Befehl, dem sie, wie jedem anderen auch, ohne zu fragen zu gehorchen hatten. Man ließ Radan kommen.
Der letzte Krieg, den Garmis geführt hatte, lag noch vor der Amtszeit von König Assin. Trotzdem hatte Radan immer dafür gesorgt, dass das königliche Heer jederzeit bereit war, in den Kampf zu ziehen. Auch wenn es unwahrscheinlich erschien, das jemand versuchen würde, Garmis zu erobern. Und dies möchte nicht unbedingt am Heer liegen.
Radan überragte alle anderen um einen ganzen Kopf und neben dem schmächtigen und ausgemergelten König wirkte er mit seinen kräftigen Armen und den breiten Schultern wie ein Riese.
Er fühlte sich in der Bibliothek sichtlich unwohl. Sein Blick wanderte durch den endlos scheinenden Raum, zu den Bücher, die bis zur Decke in kunstvoll verzierten Regalen gestapelt waren. Auch wenn sie letztendlich alle das gleiche Thema behandelten, waren sie nach Themen sorgfältig sortiertet und nur für den uneingeweihten wirkte es, wie eine nicht zu bewältigende Masse. König Assin jedoch kannte jedes von ihnen und wusste genau, wo es zu finden war. Aber jetzt saß er in Mitten des Saales. Auf den ersten Blick erschien er wie jeder andere im dunklen Land geborene. Seine Haut hatte die Farbe des herben Honigs, wie ihn die Waldbienen sammeln und auch sein Haar war eben so schwarz wie das seine. Doch umso länger Radan den schweigenden König betrachtete, umso fremder wirkte er auf ihn. Ebenso fremd wie Radan auf Assin.
„Wie gut kennst Du die Berge Akrons?“ begann König Assin schließlich.
„Ich bin dort geboren, mein König.“
„Die Wolfwer. Bist Du schon welchen begegnet?“
„Nein, niemand hat das oder wäre noch in der Lage davon zu erzählen. Das Gesetz verbietet es.“
„Welches Gesetz? Ich habe kein solches Gesetz erlassen.“ Es ärgerte ihn maßlos, irgendetwas nicht zu wissen. Radan spürte den Zorn des Königs, aber er wusste nicht so recht, wie er darauf antworten sollte. Worte zu finden, fiel ihm schon immer schwer.
„Das Gesetz der Wolfwer, mein Herr. Es ist ihr Gesetz.“
Assin erhob sich langsam von seinem Stuhl und stellte sich kerzengerade vor Radan hin. Auch wenn er kleiner als der Heerführer war, so war er doch eine eindrucksvolle Gestalt und Radan wünschte sich nichts sehnlicher, als in diesem Augenblick weit weit fort von hier zu sein.
„Wer ist der König dieses Landes?“ Die schwarzen Augen Assins durchbohrten Radan.
„Ihr, mein König.“
„Niemand außer mir erlässt Gesetze in Garmis. Ich werde sie lehren, hier ihre eigenen Gesetze zu verbreiten!“ Radan war besorgt. War der König so anmaßend? Wusste er nicht, worum es da ging? Ihm hatte man bereits in frühster Jugend beigebracht, dass die Angelegenheiten der Wolfwer nicht die Angelegenheiten der Menschen sind.
„Aber es sind die Wolfwer, mein Herr!“
„Und? Leben sie nicht in meinen Wäldern, töten sie nicht mein Wild? Also gelten für sie auch meine Gesetze!“ Radan wollte gerade ansetzen, dass es das Land der Wolfwer wäre, und dass es das Wild der Wolfwer wäre. Der König sei nur geduldet im Land der Wolfwer und die Menschen müssten dankbar sein, das Wild der Wolfwer jagen zu dürfen. Aber bevor er den Mund öffnen konnte, wurde ihm klar, dass es ihn den Kopf gekosten würde, hätte er den König das ins Gesicht gesagt.
„Was wollt Ihr dagegen tun, mein König?“, fragte er leise. Viel leiser, als es sonst seine Art war.
„Nimm so viele Männer, wie Du brauchst und reite nach Norden. Zum Berg Siran. Nimm Gefangene, je mehr je besser. Irgendeiner von dieser Brut wird die Antworten haben, die ich brauche. Unter der Folter sind schon viele gesprächig geworden.“ Assin wendete ungern Gewalt an und er selbst hatte noch nie befohlen die Folter anzuwenden. Sein Großvater war der letzte gewesen, der die Kerker des Schlosses genutzt hatte. Aber er fühlte, wie der Wahnsinn langsam an seinem Verstand zu fressen begann. Er musste diesen Spiegel haben. Er musste! Und dies bevor er nicht mehr zwischen Traum und Wirklichkeit unterscheiden konnte.
Schweißperlen bildeten sich auf Radans Stirn
„Man kann die Wolfwer nicht fangen. Nicht am Berg Siran. Niemand kann das!“
„Du hast ein ganzes Heer! Soll ich etwa selbst hinaus reiten? Ich hoffe es gibt nicht nur Feiglinge in Garmis.“ Nur für einen kurz Augenblick verlor er die Kontrolle. Dann gewann die Vernunft wieder Oberhand.
„Geh und komm nicht ohne die Wolfwer zurück. Vor allem diese alte, von der so viele Geschichten erzählen, bringe mir.“
„Die alte Farina? Genauso gut könntet ihr mir befehlen, Euch die Mondin vom Himmel zu holen.“ Radan wuchs mit all den Geschichten auf und er wusste, wenn es Farina wirklich gibt, dann will kein Mann der bei Verstand ist, sie treffen.
„Mit einem hast Du Recht: es ist ein Befehl. Versagst Du, werde ich Dich an die Wölfe verfüttern.“ Dann setzte der König sich wieder und blickte hinab auf seine Bücher. Sein Heerführer zögert und wartet darauf, ob der König ihm noch irgendetwas mitteilen möchte. Aber dieser hat schon längst vergessen, dass der Heerführer vor ihm steht. Radan selbst drehte sich vorsichtig um und verlässt dann – immer schneller werdend - und mit der festen Gewissheit, dass sein König den Verstand verloren hat, die Bibliothek.