Willkommen im Traumwald
Mythen und Märchen

Die Schneekönigin 8


Es dauerte noch Tage zäher Verhandlungen Thruds mit ihren Brüdern auf Bilskimir, um den Wagen zu bekommen. Auch dass es Friggas Wille war, lies sie nicht weichen. Erst als Thrud endlich einwilligte, dem Willen ihres Vaters gerecht zu werden und den Hammer seinen beiden Söhnen zu übergeben, legte sich ihre Sturheit und sie holten den Wagen mit den beiden Böcken aus dem Stall.
Tanngnjostr und Tanngrisnir waren gewaltig. Ihre Hörner bogen sich wie eine Meeresschnecke und ihr Fell war schwarz wie Kohle. Rauch schnaubte aus ihren Nüstern und Funken sprühten unter ihren scharrenden Hufen. Der Anblick ließ Thrud selbst den Verlust Mjölniers vergessen. Denn nun gehörte der Donnerwagen ihr. Und sie freute sich bereits darauf, mit Hödur durch die Wolken zu fliegen. Aber zuvor musste er noch einen Auftrag erfüllen, bevor die Tiere wieder heim zu ihr nach Asgard kämen.
Zum Abschied hatte Frigga Gerda noch ein Paar Stiefel geschenkt. In Jötunheim wäre es kalt und sie könnte nicht barfuss gehen wie einer der Trolle. Hödur gab ihr den Umhang Odins. Dann stieg Gerda in den Wagen und Thrud hab ihr die Zügel in die Hand.
„Komm bald wieder, ja. Hol Deinen Kai und dann komm wieder zu uns, damit Frigga Euch ihren Segen gibt. Du wirst mir fehlen.“ Dann gab sie Tanngrisnir einen Klaps auf das Hinterteil und der Wagen brauste los.  
Noch ehe Gerda sich noch umdrehen und versichern konnte, das sie zurückkommen würde, galoppierten die beiden Ziegenböcke bereits über die Wolken, die unter ihnen grau wurden. Hödur hatte ihnen zugeflüstert, wohin sie laufen sollten und sie hatten ihn wohl verstanden.
Unter ihnen, dort wo die Wolkendecke aufriss, sah sie einen meerbreiten Fluss. Es gab keine Brücke, keine Fähre, nur das schnell dahin fließende Wasser, das gegen die Felsigen Ufer schlug. Aber der Wagen fuhr schnell und bald hatte er den Ifing überquert. Was sie jetzt sah, war weites Land. Schwarze Felsen und weißer Schnee. Dazwischen verschneite Wälder und Gletscher. Eisiger Wind blies ihr entgegen und die Wolkenfetzen unter ihr glitzerten. Von hier oben wirkte es still und leer. Wie sollte sie aber Trymheim finden? Es dauerte noch einige Zeit, als sie Rauch aufsteigen sah. Gerda zog an den Zügeln und weiß die Böcke an, auf den Rauch zuzuhalten. Sie schnaubten widerwillig, aber beugten sich den Zügeln. Als sie näher kamen, erkannte sie Gebäude unter dem Schnee von denen der Rauch ausging. Ein Palisadenzaun schlang sich darum, der fast bis an die obersten Spitzen eingeschneit war. Nein, das war nicht Trymheim!
Wie sie noch darüber nachdachte, spürte sie auf einmal eine Erschütterung des Wagens. Dann schrie Tanngnjostr auf. Ein Speer steckte in seiner Flanke und dunkles Blut regnette hinunter in den Schnee. Ohne, dass sie eine Anweisung geben konnte, sank der Wagen schnell zu Boden. Unsanft landeten sie im Schnee außerhalb der Palisaden. Ihre Glieder schmerzten. Sie erhob ich vorsichtig und klopfte sich den Schnee von ihren Sachen. Ja, jetzt war sie dankbar für Friggas Stiefel. Aber als sie aufsah, blickte sie in die argwöhnischen Augen eines Riesen.
„Was machst Du hier?“, fragte er sie barsch. Hinter ihm vernahm sie ein Kichern. Erst jetzt viel ihr auf, dass der Riese nicht allein gekommen war. Überall im Schnee lauerten andere Gestallten. Riesen und Trolle. Die wenigen, die nach Ragnarök überlebt hatten, waren hier zusammen gekommen.  
„Wo bin ich hier?“, fragte sie vorsichtig.
Aber man antwortete ihr nicht, sondern im nächsten Moment spürte sie einen Schmerz an ihrer Schläfe, wo sie die herannahende Keule des Riesen getroffen hatte.
Das erste was sie hörte, als sie wieder zu sich kann, war die Stimme einer Frau.
„Das gesunde Tier bringt mit dem Wagen in den Stall. Das verletzte bringt mir. Ich will es essen!“
„Nein“, entglitt es Gerdas Kehle. Sie hatte aufspringen wollen. Aber sie war an Händen und Füßen gefesselt. Das Mädchen lag im fauligen Stroh in einer hinteren Ecke des Raumes und eine Kette verband ihre Fesseln mit einem Hacken in der Wand.
„Du bist also wach?“ Es war eine andere Frauenstimme. Der ersten sehr ähnlich, nur viel näher bei ihr. Gerda sah auf und sah eine Riesin auf einem Hocker neben ihr. Graues Haar fiel ihr in dicken Strähnen ins Gesicht. Aber es war kein solches Grau, wie das Haar ihrer Großmutter, das mit dem Alter langsam die Farbe verlor… Ihr Gesicht war jung. Und ihr Haar seidenweich und dick. Nur, dass es die Farbe von Asche hatte. Als sie genauer hinsah, erkannte sie, dass ihr Gesicht die gleiche Farbe hatte. Unter ihren Wangen schien noch etwas Glut zu leuchten. Und sie lächelte böse zu Gerda hinunter.
„Tanngnjostr, der Ziegenbock. Sie darf ihn nicht essen!
„Eimyria bekommt, was sie will. Und jetzt will sie dieses Vieh. Und ich bekomme Dich, kleines Mädchen. Besuch aus Midgard hatten wir hier noch nie.“
„Aber er gehört Thrud, Ich muss ihn ihr wiederbringen, wenn ich Trymheim gefunden haben.“
„Thrud? Thors Tochter?“ Sie lachte dumpf, heiser.
„Ich habe nur die Geschichten gehört, was geschah, als Thor das letzte Mal hier war. Er konnte das Kätzchen nicht anheben.“ Wieder folgte ein erstickendes Kichern von ihr.
„Wo bin ich?“ Gerda versuchte sich aufzusetzen. Sie lehnte ihren Rücken an die Wand. Die graue Frau richtete sich auf und blickte sich um, als sähe sie alles zum ersten Mal.
„Diese Halle hier gehörte einst Utgardloki. Damals vor Ragnarök. Heute gehört sie niemandem. Außer vielleicht Eimyria.“ Ihr Blick blieb an der Frau hängen, die vorne auf einer Erhöhung im Mittelpunkt des Geschehens saß und so eben wünschte, Thors Ziegenbock zu verspeisen. Erst jetzt fiel Gerda auf, wie ähnlich die beiden Frauen sich waren. Nur das Eimyria Haare nicht vom selben stumpfen grau waren, sondern dass sie dunkler waren und in ihnen Flammen zu lodern schienen.  Von weitem hörte sie wieder die Stimme der Frau, von der sie nun wusste, dass die Eimyria hieß.
„Hebt mir das Fell auf und zerbrecht mir ja keinen Knochen. Ich will dieses Tier haben.“
Es war ein Wunder, dass Gerda sie überhaupt hören konnte. Um sie herum schrien und sangen die feiernden Trolle und Riesen. Keiner von ihnen beachtete sie. Nur die Riesin neben ihr.
„Und wer bist Du?“, begann Gerda vorsichtig.
„Ich bin Eisa. Tochter von Loki und Gold. Ich bin aus Muspelheim hier her gekommen, als meine Welt dort bei Ragnarök unterging. Meine Schwester und ich.“
„Sag ihr bitte, sie darf den Bock nicht töten.“ Gerda war verzweifelt. Wie sollte sie nun, nach Trymheim gelangen?
„Oh nein. Der gehört jetzt ihr.“ Dann beugte sie sich zu Gerda hinab. „Und Du gehörst jetzt mir.“
Eimyria griff den Bock bei den Hörnern und im Nächsten Augenblick war der Raum erfüllt vom Geruch frischen Blutes. Gerda schlug die Hände vor die Augen. Um so lauter hörte sie das Grölen der Unholde. Sie begann leise zu schluchzen. Sie hatte doch nur Kai finden wollen. Ihrer Liebe wegen. Für immer mit ihm zusammen leben und glücklich sein. Aber so weiter sie ging umso auswegloser erschien es.
„Auch einen Schluck?“, Eisas Stimme raunte neben ihrem Ohr. Gerda roch Blut und wagte die Augen nicht zu öffnen.
„Ach komm, ich habe es Extra für Dich geholt. Trink, Du musst bei Kräften bleiben.“ Erst hetzt sah das Mädchen auf und wie sie vermutet hatte bot ihr die graue Riesin eine Knochenschale voller noch dampfendem Blut an. Sie begann noch lauter zu weinen und vergrub ihre Augen erneut in ihren Händen.
„Ich muss hier weg!“, heulte ihre Stimme durch das allgemeine Gelächter.
„Na gut“ Eisa öffnete das Schloss an ihrer Kette, dort wo sie mit dem Ring in der Wand verbunden war und schleifte das Mädchen hinter sich her. Sie verließen den Raum mit den Feiernden Utgardwesen und zog Gerda in einen dunklen Gang, der eindeutig nach unten führte. Nur wenige Fackeln schwärzten die Decken mit ihrem Ruß mehr noch als sie den Gang erleuchteten. Gerda stolperte durch die Dunkelheit. Sie schaute nicht nach unten und wollte auch nicht wissen, über was sie da lief. Der Boden war schleimig und glitschig und langsam wurde die Luft kühler. Erst als Gerda schon leicht zu frieren begann, hielt Eisa wieder an.
„Wir sind da! Willkommen zu Hause!“ Ein böses Grinsen huschte über ihr Gesicht. Dann stieß sie eine schwere Eichentür auf und zog ihre Gefangene nun in eine dunkle Höhle. Ein kleines Feuer brannte in einer Ecke und lies nur Schemen vermuten. Riesige Tropfsteine ragten vom Boden auf wie gewaltige Zähne und ihre Gegenstücke hingen von der Decke herab. Die Höhle erinnerte an das Maul eines Drachen.
Als sie sich dem Feuer näherten, erkannte Gerda ein Lager am Boden. Das Bett war mit Ornamenten von laufenden Wölfen verziert und anscheinend aus Tropfsteinen herausgeschnitten. Dort kettete Eisa das Mädchen erneut fest.
„Das muss leider sein, Damit Du mir nicht wegläufst. Du bist mein Spielzeug!“ Dann ließ die Riesin Gerda allein und ging zurück zu den anderen. Jedoch nicht ohne nicht auch die Eichentür zu verschließen.

... Fortsetzung folgt...