Willkommen im Traumwald
Mythen und Märchen

Die Schneekönigin 6

Das Mädchen war keine drei Schritte gegangen, als sie am Himmel einen schwarzen Schatten sah, der sich schnell näherte. Es war ohne Zweifel die Silhouette eines Raben. Er kreiste zweimal um sie und landete vor ihr auf einem Baum.
Er krächzte und Munin auf ihrem Arm krächzte zurück. Sie unterhielten sich in ihrer Sprache. Der Vogel sprang von ihrem Arm herunter und die beiden krächzten weiter. Gerda setzte sich neben ihnen ins Gras und lauschte gespannt. Auch wenn es keine Worte gab, die sie hätte verstehen können, hörte sie doch allein aus dem Tonfall heraus, das Munin berichtete, was ihm widerfahren war. Immer wieder blickten beide seitlich zu ihr. Es ging um sie, soviel stand fest. Nur konnte sie aus Hugins Gesicht nicht erkennen, ob es ein freundlicher Blick war oder nicht. Dann war Stille. Und die schwarzen Vögel sahen sie beide an. Und nun trat Hugin einen Schritt an sie heran.
„Ich denke, Du bist ein mutiges Mädchen. Ich danke Dir für die Rettung meines Bruders. Folge mir.“ Der Rabe erhob sich in die Lüfte, kreiste noch einmal um ihren Kopf und flog dann den Hügel hinauf. Gerda erhob sich und trug Munin hinter her.
„Thrud, schau nur, wir haben Besuch. Sie brachte uns Munin aus der Nifelhel zurück.“ Die junge Frau blickte sich um. Sie schien nicht viel älter zu sein als Gerda selbst. Aber ihre langen blonden Haare waren wild und nur ein Lederband hielt sie ihr ein wenig aus dem Gesicht. Ihre Augen leuchteten so blau wie der Himmel. Über ihrem strohgelben Kleid trug sie ein Wams aus braunem Wildleder und Lederbänder um ihre Hände. Neben ihr lag ein riesiger verzierter Hammer.
>> “Wie heißt Du?“ Die Stimme der Göttertochter war nicht halb so fordernd wie Gerda es erwartet hatte.
Obern auf dem Hügel sah sie bereits etwas leuchten.
„Das sind die Mauern Gladsheims und der Große Saal Walhallas, wo einst jene, deren Namen nicht vergessen werden, mit Odin feierten.“
„Und, gehen wir dort hin?“
„Ja, mein Bruder und ich leben dort. Wir sind zwei der letzen, die dort noch leben. Odin starb im Kampf mit Fenris, der ein Bruder der Hel war. Balder starb durch Hödurs Pfeil und er wurde getötet von Vali. Die meisten derer, die Ragnarök überlebten gingen fort von hier. Nur wenige kommen langsam zurück. Die Ruine Walhallas steht seit langem leer. Nur der Wind singt in den Wänden.“
Noch ein paar Schritte und dann stand sie vor einem gewaltigen hölzernen Tor. Vorsichtig steckte sie den Kopf hinein. Der Raum war so groß, dass sie die Wände im Zwielicht kaum erahnen konnte. Wie eine große dunkle Höhle im Sonnenlicht Asgards.
„Komm herein.“ Von weiter hintern ertönte die krächzende Stimme Hugins. Dort schien auch ein Feuer. Sie ging darauf zu und wie sie herein kam, sah sie einen Schatten an ihr vorbeigehen. Ihre Schritte hielten weiter auf das Feuer zu, aber ihre Augen folgten dem Schatten. Hatte sie ihn nicht schon einmal gesehen? Am Tor angekommen, sah sie Licht auf sein dunkles gelocktes Haar fallen. Seine Gestallt war ihr irgendwie so vertraut.
„Kai.“, rief sie ihm nach. Aber er hörte sie nicht und verließ das Licht.
„Das war nicht Kai.“, sagte der Rabe. Aber er flog von ihrem Arm herunter und glitt vor zum Feuer. Gerda spürte, dass sie Hunger hatte. Und vom Feuer her wehte ihr ein Duft von gebratenem Fleisch entgegen.  Am Feuer saß eine Frau.
„Ich bin Gerda. Ich suche meinen Kai. Ich dachte, ich hätte ihn hier gesehen.“
„Kai? Hier ist niemand, der so heißt.“ Sie lächelte. „Aber Du hast Munin zurückgebracht. Dafür danke ich Dir. Setzt Dich und iss ein wenig. Wir werden sehen, wie ich Dir helfen kann. Das Leben ist einsam geworden hier.“, fügte sie noch seufzend hinzu und setzte sich wieder. Eine Hand auf dem Griff Mjölnirs die andere hielt einen Spieß mit einem Kaninchen, welches köstlich duftete.
„Siehst Du diese Halle hier? Einst war sie vom Schein der Fackeln erleuchtet und der Gesang der Einherjer erfüllte sie bis hin zu den höchsten Balken dort oben.“ Die junge Göttin schaute nach oben in die Dunkelheit, die so dicht war, das keine Decke zu erahnen war. Aber es musste eine Decke geben, denn draußen war es taghell. Selbst die beiden Raben waren in der Dunkelheit Walhallas verschwunden.
„Hier war Odins heilige Halle. Und nun? Ragnarök begann und Odin und die unvergessenen Krieger zogen in den Krieg. Viele folgten ihm. Und kaum einer kehrte zurück. Thor, mein Vater, schickte meine Mutter und mich nach Vanaheim als Njörd und Freya heim zu kehren wünschten. Bragi und Iduna gingen nach Alfheim. Bragi hatte Frigga gebeten mit ihm zu kommen, aber sie blieb hier. Und dann brannte die Welt und so viele starben. Ich konnte nicht in Vanaheim bleiben. Ich hörte von Vaters Tod. Sif, die meine Mutter ist, flehte mich an, bei ihr zu bleiben, aber ich konnte nicht. Mit meinen eigenen Händen zog ich Mjölnir aus dem Kadaver Jömundgandrs. Ich war die erste, die zurückkehrte nach Asgard. Nur Frigga war noch hier und harrte in Fensal auf jene, die wiederkehren würden. Magni und Modi kamen kurze Zeit nach mir her, aber meine Brüder sind noch zu jung und sie werden sich nicht einig, wer den Hammer meines Vaters haben soll. Und solange bleibt er bei mir. Sollen sie doch auf Bilskimir bleiben. Ihre Mutter war eine Riesin. Warum sollten sie Thors Hammer bekommen, auch wenn es Vaters Wille war?
Dann kamen auch Odins Söhne zurück. Vidar und Vali kamen als erstes. Aber keiner von ihnen traute sich hierher.  Sie sind in Walaskjalf und Vali verlässt die Mauern nicht mehr, weil Frigga ihm erst jetzt sagte, das es nicht Hödurs Schuld war, das Balder starb.“
Irgendwo in der Dunkelheit Walhallas hörte man Schritte. Gerda zuckte zusammen und schaute sich um. War es nicht doch Kai gewesen? Die Schritte näherten sich langsam. Aber Thrud ließ sich davon nicht stören.
„Und dann kam Hermod mit Balder und Hödur von Hel zurück. Frigga hatte Tränen in den Augen. Aber am Ende aller Wahrheit bleibt immer der Schmerz. Sie musste Balder erzählen, wie Nana starb. Seit dem ist er auf Breidablik, trinkt Met, weint und will niemanden sehen. Er wünschte, wieder bei Hel zu sein, um sie dort zu suchen und lieber mit ihr vergessen zu werden, als ohne sie unsterblich zu sein.“ Gerda fühlte mit ihm, denn auch sie sehnte sich nach Kai, wie nach nichts anderem auf der Welt. Dann sah sie einen Schatten aus der Dunkelheit ans Feuer treten. Nein, es war nicht Kai, aber seine schlanke Gestalt und die dunklen Locken waren ihm so ähnlich. Schweigend setzte er sich neben die beiden ans Feuer. Thrud nahm das Kaninchen aus den Flammen, riss eine Keule ab und gab sie Gerda. Den Rest des Tieres brach sie in zwei Hälften und reichte eine davon dem Mann neben ihr.
„Nachdem Hermod nach Gladsheim ging, kam Hödur hier her. Ihm macht die Dunkelheit der Halle nichts aus.“ Sie biss ein großes Stück Fleisch aus dem gebratenen Tier und schaute hinüber zu dem Mann an ihrer Seite. Der aber schwieg weiterhin und schaute ins Leere. Gerda sah ihn genauer an. Sein Gesicht wirkte älter als das von Kai und vor allem seine Augen unterschieden ihn. Die Augen des Gottes waren milchig weiß und ohne jeden Glanz. Nicht einmal der Schein des Feuers schien sich in ihnen zu fangen. Er war blind. Thruds Hand löste sich vom Griff des Hammers und berührte sanft die Hand Hödurs. Er lächelte.
„Und wer ist es, den die kleine Sterbliche hier sucht?“ seine Stimme war samtweich und dunkel. Thrud schaute sie fragend an und Gerda fasste wieder Mut, trotz all der Tragödien die sich hier in Asgard abspielten, nun von ihrem Unglück zu berichten. Von der Schneekönigin und ihrem Liebsten, den sie mit sich genommen hatte. Und nicht zuletzt von der Reise, die sie bis hierher hinter sich hatte.
„Ich erinnere mich an Skadi“, begann Hödur. „Ihre Stimme klang wie Silber. Sie war einst verheiratet mit Njörd und eine Zeit lang glaubten alle, sie würde Uller folgen. Aber sie kehrte heim nach Trymheim noch lange vor Ragnarök und ich habe seit dem nichts mehr von ihr gehört.“
„Aber wie kann ich zu ihr gelangen?“
„Nach Jötunheim?“, Thruds Gesicht wirkte erstaunt. „Weiß nicht, ob Utgardloki damit einverstanden ist, wenn einer von uns noch mal seine Welt betritt.“ Ihre Hand streichelte nun wieder den Hammer. „Aber Vater wäre sicher stolz auf mich, wenn ich es dem Alten noch mal zeigen würde.“ Sie lachte laut und schallend, so dass es von den dunklen Wänden widerhallte.
„Nein, Liebste. Der letzte Krieg hat genügend Opfer gefordert. Ich möchte Dich nicht auch noch verlieren. Niemand von uns sollte nach Jötunheim gehen!“
Gerda wurde traurig. Wenn selbst die Götter keinen Weg wussten, wie sollte sie einen finden? Leise schluchzend aß sie ihr Stückchen Fleisch.
„Du solltest meine Mutter fragen, kleine Sterbliche.“
„Genau!“, fiel ihm Thrud aufgeregt ins Wort. „Wenn es jemand weiß, dann die alte Frigga. Ich bring Dich hin. Gleich morgen!“
„Warum nicht jetzt gleich?“, fragte Gerda aufgeregt. Aber die Göttin sprang wütend auf.
„Weil ich es so will. Ich habe hier schon lange keine Freundin mehr gehabt. Und wenn ich sage, ich bringe Dich morgen dort hin, dann ist es so. Solange sollst Du mir von Midgard erzählen!“
„Tja, da kann man nichts machen. Sie hat das Temperament ihres Vaters.“, lachte Hödur. „Beruhig Dich mein Liebling. Sie wird bleiben. Aber halte auch Dein Versprechen und bring sie morgen zu Mutter.“
„Natürlich.“ Sie streichelte sein Gesicht und küsste seine blinden Augen. „Du bist wie immer viel weiser als ich.“ Dann setzte sie sich wieder und wand sich erneut Gerda zu.
„Und jetzt erzähl mir von Midgard! Ich habe so lange nichts mehr von der Welt der Menschen gehört.“