Willkommen im Traumwald
Mythen und Märchen

Die Schneekönigin 4

 
 
 
Als sie die Augen wieder öffnete, sah sie eine Frau über sich bebeugt. Ihre Haut war grau wie Asche und umweht von Spinnweben. Ihr Haar hatte die Farbe von geronnenem Blut und umwallte sie wie Nebel. Ihre Augen waren schwarz wie verkohltes Fleisch.
Bin ich in Utgard? Ich suche Kai.“, hauchte sie mit letzter Kraft.
„Noch nicht, aber ich kann Dich mitnehmen.“ Und als Gerda nickte, streichelte sie ihre Wangen und trug sie mit sich fort.
Gerdas Bewusstsein verdunkelte sich erneut. Wie eine Ewigkeit in der sie schlief. Und sie fühlte sich leichter und frei von allem Schmerzen als sie erwachte. Wieder stand die sonderbare Frau neben ihr. Noch schöner und noch schrecklicher als zuvor.
Willkommen in meinem Garten, keine Gerda. Dies ist mein Reich in Utgard.“
Gerda sah sich um. Dichter Nebel wogte über das Land. Es war nicht möglich, weiter als zehn Schritte zu sehen. Um sie herum erkannte sie Rosensträucher, deren Blüten kobaltblau waren. Und knorrige alte Apfelbäume deren Äste silberne Äpfel trugen.
Wie komme ich von hier aus nach Trymheim, nach Jötunheim? Ich muss doch Kai finden.“
Die geheimnisvolle Frau lächelte.
„Ruh Dich noch etwas aus. Morgen zeige ich Dir den Weg. Bis dahin erfreue Dich am Duft der Rosen und am Geschmack der Äpfel. Sie sind köstlich.“ Dann wand sie sich um und lies Gerda allein im Nebel zurück. Vielleicht würde sie den Weg auch selbst finden, dachte sie sich und ging einen der Wege entlang.
Im Nebel gewahrte sie immer wieder die Umrisse von Menschen, aber wenn sie näher kam, waren es nur Schatten die sich im Nebel bewegten. Diese bemerkten Gerda überhaupt nicht. Sie gingen einfach weiter, rochen an den Rosen und aßen die silbernen Äpfel.
So ging Gerda weiter. Mehrere Stunden bis der Nebel sich auf einmal lichtete und Gerda deutlich eine Hecke erkannte. Ein hohes wildes Gestrüpp aus nackten Dornen. So hoch, dass sie kein Ende erkennen konnte, wie auch nicht nach linkt oder rechts. Der Boden war hier anders. Wie ein ausgetrocknetes Flussbett, in dem nichts anderes wachsen konnte, als dieses Dornengestrüpp. Hier und da schienen seltsame Blüten zwischen den Dornen zu wachsen. Aber als sie näher kam, erkannte sie, dass es keine Blumen waren. In den langen spitzen Dornen steckten Vögel. Aufgespießt, durchbohrt von Dornen und tot.
Gerda rannte fort. Weg von diesem grausamen Anblick und zurück in den Nebel. Erst jetzt viel ihr auf, wie still es in dem Garten war. Nicht nur, dass kein Vogel sang, auch keine Biene summte. Nicht einmal die eigenen Schritte hörte man. Der Nebel schien alle Geräusche zu schlucken.
Morgen hatte die Frau gesagt. Gerda sah sich um und fand zwei Schatten vor sich. Von denen ein Raunen ausging. Das erste Geräusch seit der Stimme der Göttin. Als sie näher kam, bemerkte sie, dass beide noch nicht ganz Schatten waren. Etwas Menschliches haftete ihnen noch an. Es waren zwei Männer. Beide mussten einmal stattlich und schön und auch jung gewesen sein. Einer lehnte sich an des anderen Schulter.
„Es tut mir leid.“, raunte eine dunkle Stimme.
 Als sie wieder erwachte und auf ihre Hände blickte, hatten diese einen Schimmer von grau. Es war Zeit, dass sie aufstand. Sie musste doch zu Kai.
Gerda wollte die Frau suchen, die sie hergebracht hatte. Wieder machte sie sich auf. Der Nebel hatte etwas Seltsames. Man konnte frei atmen, aber er schien etwas in sich zu tragen. Mehr noch als den süßen Duft der blauen Rosen. Denn man fühlte sich glücklich in ihm. Frei von Schmerzen und frei von quälenden Gedanken. Alles was sie erfüllte, war Hunger. Gerdas Schritte wurden langsamer. Zum Stehen kam sie jedoch erst vor dem Umriss eines Hauses im Nebel. Es wirkte es wie eines der kleinen Holzhäuschen, wie es sie auf jedem Dorf gibt. Aber als sie so nah herangekommen war, dass sie es hätte anfassen können, erkannte sie, dass es nicht aus Holz bestand. Es war aus bleichen Knochen gebaut. Verschiedenste menschliche Knochen kunstvoll angeordnet. Und wie sie es in einer Mischung aus Schrecken und Faszination betrachtete, stand die Herrin des Gartens wieder neben ihr.
„Bitte, zeigt mir doch den Weg ins Land der Riesen. Ihr habt es versprochen.“
Die Hand der Frau streichelte wieder über Gerdas Wange. 
„Kleines Mädchen. Morgen sagte ich. Du bist doch erst seit ein paar Stunden hier. Ruh Dich erstmal aus, rieche an den Rosen und iss die Äpfel. Komm morgen zu mir und ich werde Dir den Weg zeigen.“
Gerda war verwirrt. Sie fing an nachzudenken. Sie hatte seit dem letzten Gespräch mit ihr fast nichts getan. Sie hatte die Hecke gefunden und den Apfel gegessen. Mehr aber auch nicht. Wahrscheinlich hatte sie Recht und es war tatsächlich erst ein paar Stunden her, dass sie hier erwacht war. Dann dachte sie wieder an die Hecke. Es musste doch einen Ausweg geben.
„Dir ist schon lange verzeihen.“, wisperte eine zweite weiche Stimme.
Gerda bückte sich zu einer Rose hinunter. Der Duft erinnerte sie an ihre Rosen zu Hause, an Kaminfeuer und Kais Augen. In Gedanken versunken pflückte sie einen Apfel und biss hinein. Er war so süß. Noch nie hatte sie so etwas Wundervolles gegessen. Und noch ehe sie den Apfel zu ende gegessen hatte, wurde sie von Müdigkeit erfasst und schlief ein. Es war ein endloser tiefer Schlaf ohne Träume.