Willkommen im Traumwald
Mythen und Märchen

Die Schneekönigin 3

In Trymheim gab es keinen Frühling. Die Berge blieben verschneit. Das Lied der Wölfe klang in den Wäldern und buntes Nordlicht brannte am Himmel. Kai kannte bereits jeden Winkel in Trymheims Mauern. Fasziniert blieb er vor den Äxten und Schwertern, den Jagdbögen und Speeren an den Wänden stehen. Skadi hatte ihm erlaubt, jedes einzelne Stück an sich zu nehmen. Aber alles was er wollte, war ihre Gegenwart. Sie aßen zusammen im großen Saal und schliefen in Skadis Turmzimmer. Jeden Morgen wachte er auf und sah sie an. Ihre Haut glitzerte wie überfrorener Schnee. Ihre Brüste wie kleine Schneeverwehungen, die sich hoben und senkten. Immer wenn er begann, sie zu liebkosen, glaubte er, ihre Haut müsste kalt sein. Aber sie war angenehm warm und er hatte das Gefühl nie damit aufhören zu können, sie zu küssen und zu streicheln. Ihr leichtes Seufzen klang wie der Wind in den Bäumen. Ihre Arme umschlangen ihn und er wollte nirgendwo anders sein.  
„Mein Liebster, lass uns jagen gehen. Ich zeige Dir den Wald.“ Er wäre mit ihr gegangen, egal wohin sie wollte. Auch wenn er lieber in ihrer Umarmung geblieben wäre. Aber er spürte auch ihren Tatendrang und ihre Unruhe. Die ganze Welt hätte sie ihm zu Füßen legen wollen. Aber nun erst einmal den Wald.  
Schon lange hatte sie ihm Kleidung gegeben, die einem Gott Jötunheims würdig gewesen wäre. Aus weichem Leder und warmen Fellen. Mit Spangen aus Silber und Bergkristall. Er war schöner noch als Balder es je hätte sein können. Seit dem Tod ihres Vaters war sie nicht mehr so glücklich gewesen.   
Draußen warteten die weißen Wölfe. Nicht um wieder ihren Wagen zu ziehen. Dies taten sie nur sehr selten. Sondern um wie früher mit ihr durch die Berge zu streifen. Fröhlich bellend wedelten sie mit ihren Ruten und umkreisten die Göttin und ihren Gefährten. Kai hatte immer noch etwas Respekt vor den Tieren. Schon Als Kind hatte man ihn vor den Wölfen gewarnt. In den Geschichten von Gerdas Großmutter hatte es viele über blutrünstige Wölfe gegeben, die Menschen zerfleischten, die sich im Wald verliefen. Ja Gerda. Seit er hier war dachte er nur selten an sie. Und wenn, dann in diesen wenigen Momenten, in denen etwas hier ihn an zu Hause erinnerte. Aber fast nichts war wie dort. Er erinnerte sich kaum noch an die engen Straßen der Stadt, den russ-schwarzen Himmel von den Wolken der Fabrikschornsteine, an die kleinen Zimmer in denen die Menschen wohnten. Die triste Kleidung der armen Leute, und die Blumen an den Balkonen. Der Himmel hier war klar und nur das Nordlicht verdeckte die hellen Sterne in der Nacht. Die Berge waren so weit und er wollte an nichts anderes mehr denken als an Skadi.  
Er lief hinaus an ihrer Seite, rannte vor Freude überschwänglich den Berg hinab auf dem Trymheim stand. Der Schnee stob nach oben. Wie eine Wolke. Als würde er fliegen. Die Wölfe liefen neben ihnen her und heulten. Und wenn er zur Seite sah, dann in ihre strahlenden blauen Augen.

  
Gerda ging einen Schritt vor den anderen Richtung Mitternacht. Bis an die Küsten des Meeres. Da stand sie, wie Skadi mit wehenden Haaren im Wind und schaute auf die bleigrauen Fluten. Und sie schrie in das tosende Rauschen der Wellen. 
„Bitte. Ich muss ans andere Ufer. Ich muss doch Kai finden.“ Und dann hörte sie ein Heulen im Wind und wie einen traurigen Gesang aus den Wellen.  
„Schenk mir Deine Schuh, dann wirst Du nicht untergehen.“ Gerda lächelte, band ihre roten Schuhchen auf und setzte sie auf eine heranrollende Welle, die sie mit sich nahm. 
„Danke“, flüsterte die Stimme aus den Wellen. Weit draußen sah sie ein Weißes Geschöpf das oben auf den Wellen ritt und die weichen Samtschuhe an ihr nasses Herz drückte.  
Erst jetzt sah Gerda sich um und fand einen halben Baumstamm, den die Flut an Land geschwemmt hatte. Mühsam zog sie ihn zurück ins Wasser, legte sich darauf und stieß sich vom Land ab. 
Jetzt gehörte sie ganz dem Meer. Sie konnte dem Holz keine Richtung geben. Die Strömung trieb sie mit sich. Die Gischt schlug ihr ins Gesicht. Das Salzwasser tropfte aus ihren Haaren und ließ ihre Kleidung an ihr kleben. Ihre Lippen waren aufgesprungen und winzige rote Tropfen mischten sich mit dem Wasser und schmerzten sie. Ihre Tränen wurden eins mit dem Meerwasser. Aber die Strömung trieb sie unaufhaltsam fort. Wie eine unsichtbare Hand, die sie vorantrieb. Möwen kreisten lachend um sie herum. Trotz der Erschöpfung klammerte sie sich mit aller Kraft an das Holz. Sie hatte nichts zu Essen, nichts zu trinken. Wenn sie drohte, loszulassen, kam eine Robbe dicht herangeschwommen und schupste sie wieder auf ihren Ast hinauf. Die Sonne ging unter und wieder auf. Irgendwann als sie die Welt um sich schon nicht mehr wahrnahm, spürte sie etwas hartes, an das ihr Treibholz stieß.  
Es war der Strand. Sie hatte die andere Seite des Wassers erreicht und nun lag sie neben dem Holz im Sand und war selbst nicht mehr, als ein Stück Treibgut. Im Wind hörte sie wieder die Stimme. 
„Bis hierher habe ich Dich gebracht. Aber des Sturmrieden Tochter musst Du selbst finden.“  
 

 
 Mühsam richtete sie sich wieder auf und stolperte auf bloßen Füßen vom Sand fort. Als sie das taunasse Gras spürte, wurde das Laufen leichter. Es kühlte ihre aufgeriebenen Füße.  
In der Ferne sah sie die Berge am Horizont blau leuchten. Aber Schritt um Schritt, den sie ging, rückten sie weiter von ihr fort.  
Umso weiter nach Norden sie kam, umso kürzer wurden die Tage. Hier oben lag noch letzter Schnee. Der Weg über die gefrorenen Steine war beschwerlich. Und auch wenn sie die spärlich gesäten Orte hinter sich gelassen hatte, es gab keine Trolle hier. Sie stolperte weiter. Es war wieder daran zu dämmern. Sie war den ganzen Tag bergauf gelaufen. Einem Schatten hinterher. Und nun stand sie vor einem Abgrund. Und dort sah sie einen seltsam geformten Stein, wie eine Frau, die in den Himmel blickte. Als sie näher trat, sah sie, dass eben jener Stein genau das war. Der Schatten, dem sie gefolgt war, war tatsächlich eine Trollfrau gewesen. Große schwarze Kulleraugen schauten unter buschigen Augenbrauen hervor neugierig zu ihr herüber, ein breites Lächeln und eine Knollnase bildeten den Rest des freundlichen Gesichtes.  
„Du bist ein Troll?“ 
„Ich bin Stina.“, antwortete das Wesen.  
„Dann kennst Du den Weg nach Utgard! Ich muss meinen Kai finden.“ Fast wäre sie der Trollfrau um den Hals gefallen.
„Deinen Kai?“
„Der Junge, den ich liebe. Die Schneekönigin hat ihn mitgenommen. Ich muss ihn wiederfinden. Bitte, wenn Du den Weg nach Utgard kennst, musst Du ihn mir zeigen.“
„Bist Du sicher?“ Sie erhob sich und schaute weiter über das Tal vor ihnen.
„Oh ja, das bin ich.“ Auch Gerda stand auf und nickte eifrig mit dem Kopf.
„Utgard ist die Unterwelt. Und liegt weit unter Midgard.“ Dann lächelte sie noch etwas breiter und mit ihren großen Händen ergriff sie das Mädchen und stieß sie über den Rand des Abhangs.
Was sie fühlte, war Schwerelosigkeit als sie fiel.  Und dann ein Schmerz, der ihr die Sinne nahm, als ihr Körper den Boden tief unter ihr errecht hatte und sie in aller Härte auf ihm aufschlug.