Willkommen im Traumwald
Mythen und Märchen

Die Schneekönigin 7

 

Die halbe Nacht erzählten sie und dann schliefen sie am verlöschenden Feuer ein und erwachten erst am späten Nachmittag. Thrud war voller Tatendrang und wirbelte durch die Finsternis der Halle, während sie den Hammer über ihrem Kopf schwang, das Blitze von ihm ausgingen und sie dadurch einen Teil ihres Weges sehen konnte. Hödur war zielstrebig auf das Tor zugegangen und öffnete es, damit der Sonnenschein hineinfließen konnte.
„Auf nach Fensal“, jubelte die junge Göttin und Gerda folgte ihr rasch.
Kommst Du mit, mein Liebster? Deine Mutter würde sich freuen, Dich zu sehen.“

Ich weiß nicht, ob das eine so gute Idee ist. Ich würde Euch beide nur behindern.“
„So ein Unsinn! Du kommst mit. Weil ich es so will!“ Er konnte ihre zornigen Augen natürlich nicht sehen, aber er sah in ihr Herz, das nie so zornig war wie sie selbst. Also lächelte er über seine aufbrausende Geliebte und verschwand wieder nach drinnen. Es dauerte nur wenige Augenblicke und er kam wieder zum Vorschein. Er trug einen abgewetzten Umhang und einen Hut, der ihm weit ins Gesicht hing, damit sein Schatten über seine Augen fiel und niemand sie sah. Es waren die Sachen seines Vaters. Des Einäugigen Alten. Thrud schulterte den Hammer voller Ungeduld. Und so gingen sie zu dritt los. Thrud stampfte wacker vor den anderen her und sang fröhlich irgendein Trinklied, das sie von ihrem Vater gehört hatte, als sie noch klein war. Hödur und Gerda folgten ihr nach und die Freude Thruds steckte sie an.
„Ich wüsste nicht, was ich ohne sie machen würde. In ihr ist genug Leben für uns beide.“ Hödur lachte laut, wie er es in der Nacht zuvor nicht getan hatte.

Sie verließen die grünen Wiesen. Der Untergrund wurde nasser und aus Gras wurde Schilf. Aber Thrud ging weiter ohne eine Gefahr unterzugehen darin zu erkennen. Hödur folgte ihrem Gesang und ignorierte den Sumpf, den seinen Augen nicht sehen konnten. Nur Gerda war etwas mulmig zu mute. War sie doch keine Göttin, sondern nur ein Mensch und Menschen pflegen normalerweise im Sumpf zu versinken. Aber auch sie ging weiter und nichts geschah ihr. Auch als der Sumpf zu einem klaren blauen See wurde. Da erkannte sie auch schon eine schöne Halle, mit reich verzierten Wänden, Fenstern aus Bernstein und mit Silber beschlagenen Giebeln. Wildgänse und andere Wasservögel schwammen im kristallklaren Wasser um das Haus herum, das wie eine Insel zwischen den Seerosen herausragte. Im Schilf lag ein kleines Boot, das Thrud herauszog. Sie stiegen hinein und Hödur nahm das lange Ruder und langsam setzten sie über.
Am Haus angekommen, banden sie das Boot an und stiegen aus. Alles um sie herum war so friedlich und unglaublich schön. Die Schwäne und Wildgänse berührten sich sacht mit den Schnäbeln und streichelten die Hälse aneinander. Gerda atmete tief ein. Im Sommer hatte sie daheim die Paare der weißen Schwäne beobachtet, die sich treu waren bis ans Ende ihres Lebens während sie Hand in Hand mit Kai am Ufer stand.

„Als Kinder haben Balder und ich hier oft geschwommen und manchmal auch geangelt.“ Hödur ging voraus und öffnete die beschnitzte Tür. Im Goldenen Bernsteinlicht saß auf einem Thron aus Silber eine Frau. Gerda vermochte nicht zu sagen, wie alt sie ein könnte. Ihre Haare waren silbern grau und fielen wallend auf ihre Schultern herab. In ihren Händen bewegte sie ein kleines Rädchen und ein glitzernder Faden glitt durch ihre geschickten Finger.
„Das Leben von uns allen ist wie ein hauchdünner Faden, der einen Anfang hat und ein Ende. Die Nornen weben unser Aller Schicksal aus den Fäden unseres Lebens. Und alles was je sein wird, ist alles was schon einmal war. Und alles was war wird wieder sein.“ Erst jetzt blickte sie auf und zu ihnen herüber. Hödur lief auf sie zu. Sie erhob sich von ihrem Platz und stand auf um ihren Sohn in die Arme zu nehmen.
„Mein liebster Sohn. Ich hab Dich vermisst.“ Ihre Hand streichelte seine dunklen Locken. Die weißen Stickereien auf ihrem dunkelblauen Kleid schienen sich wie Wolken zu bewegen. Die Spindel hatte sie zwar losgelassen, aber der Faden schwebte noch immer in der Luft. Gerda war fasziniert von dem Anblick, wie von allem in diesem Haus. Dem Warmen Herd auf der Seite auf dem allerlei Töpfe kochten und es roch nach frischen Kräutern. Sie fühlte die Liebe zu Kai hier so viel stärker und ohne jeden Schmerz ihrer Trennung. Sie fühlte sich glücklich in der Gegenwart der Göttin.
Thrud stellte Mjölnir in die Ecke neben der Tür und trat näher zu Frigga. Auch sie wurde von der alten Göttin umarmt.
„Ich danke Dir, dass Du Hödur zu mir gebracht hast, Thrud. Du bist meinem Sohn eine gute Gefährtin. Schön, dass Ihr hier seid.“ Ihre Hand griff wieder nach dem Faden und in ihren Fingern wurde er länger und länger.
„Aber Mutter, wir sind nicht allein hier. Diese Sterbliche von Midgard braucht Deine Hilfe.“ Frigga lächelte und ging auf Gerda zu.
Gerda, nicht wahr?“ Der silberne Faden wurde länger.

Ich sehe die Liebe in Deinem Herzen. Und ich sehe den Schmerz, den sie mit sich bringt. Du musst wissen, das ich eine Schwäche für tragische Liebespaare habe.“
„Ja, ich bin Gerda. Und die Schneekönigin nahm meinen Kai mit sich. Und deshalb erbitte ich einen Weg, um ihn zu finden.“
Frigga spann in Gedanken versunken ihren Faden weiter und blickte aus dem Bernsteinfenster. Aber sie sah nicht den Teich sondern ihr Blick schweifte durch Zeit und Raum. Entlang aller Fäden, die sie je gesponnen hatte und noch spinnen wird.

Skadi ist einsam, kleines Mädchen. Es gibt so viele Männer in Midgard. Und viele von ihnen wären Dir ein guter Gefährte, ein guter Vater für Deine Kinder. Sie würden für Dich sorgen und mit Dir alt werden. Und ja, kleine Gerda auch einen von ihnen würde Dein Herz zum leuchten bringen und er würde dich mehr lieben, als Dein Kai es je wieder tun wird. Sein Herz gehört Dir nicht mehr, auch wenn Dein Herz ihn von Tag zu Tag, den Du ihn suchst stärker liebt. Du wirst nicht glücklich werden, kleines Mädchen. Nicht Du, nicht Dein geliebter Kai und auch nicht des Sturmriesen Tochter. Alles was war wird wieder sein und alles was sein wird ist längst vergangen… Du wirst ihn finden, Deinen Liebsten. Über dem weiten Strom Ifing im Osten. Seit Generationen hat niemand mehr einen Fuß nach Jötunheim gesetzt.“

Erst jetzt sah die alte Göttin Gerda wieder an. Sie sah ihr in die Augen. Direkt in ihr Herz. Wolken trieben über ihr blaues Kleid und die silbernen Haare bewegten sich wie im Frühlingswind. Hödur und Thrud standen einander umarmend im goldenen Licht, das nur sie sehen aber er seine Wärme spüren konnte. Gerda wusste nicht, was sie noch sagen sollte. Es gab nichts, was sie sagen konnte, was Frigga nicht bereits in ihren Gedanken sah. Erst als Frigga ihre Augen wieder abwandte, dachte sie, sie müsste noch etwas sagen. Aber Frigga ließ sie nicht mehr dazu kommen.

Thrud. Der Wagen Deines Vaters. Gib ihn ihr. Er wird sie sicher nach Jötunheim bringen:“

Meine Brüder haben ihn, aber ich werde ihn bekommen. Und ich werde sie bringen, wohin sie will.“
„Nein, Thrud. Du bist die Tochter Deines Vaters und Dein Platz ist hier und nicht zuletzt an der Seite meines Sohnes.“
„Aber sie wird mich mehr brauchen als alle hier.“ Thrud war zornig, wie sie es immer war, wenn ihr ein Abenteuer zu entgehen drohte.  Sie sah sich bereits Mjölnir schwingend in der Feste Utgardlokis feiern.
„Nein Thors Tochter, sie braucht Dich nicht. Ihr Liebe ist stärker als der Hammer Deines Vaters. Gib ihr den Wagen und lass sie ziehen.“