Willkommen im Traumwald
Mythen und Märchen

Wolfsmärchen

Es war noch früh an jenem Morgen und es versprach ein schöner Frühlingstag zu werden.
Es war Anfang März und wie immer um diese Zeit, wenn der Schnee geschmolzen und die Nächte wieder kürzer und wärmer wurden, erwachte das Leben in den Dörfern der Menschen.
Auch für die Wolfwer sollte nun wieder eine leichtere Zeit kommen.
Der Winter war lang und kalt gewesen und nicht ohne Leid für alle in Akron. Die Wolfwer waren selbst in die Nähe der Dörfer gekommen. Doch nun waren sie zurückgekehrt auf den Berg Siran und auch das Leben in den Dörfern nahm wieder seinen gewohnten Lauf.
Während des Winters gab es kaum Kontakt zwischen den einzelnen Dörfern, so dass Kerissa erst vor einigen Tagen von der ernsten Krankheit ihrer Mutter erfahren hatte.
Sie war sehr besorgt - vor allem, da die Reste des Dorfes Sulanis, in dem ihre Mutter lebte, weit weg lagen. Wohl bis zu einer Woche zu Fuß durch die Berge. Sie wusste, dass es für sie unmöglich war, diesen Weg auf sich zu nehmen. Akaris - wie die Menschen das Land in Osten der Akronberge nannten - führte seit Jahren Krieg und auch ihr Mann war irgendwo im Heer ihres Königs.
So stand sie Morgen um Morgen auf und arbeitete bis zum Abend. Sie hatte das Haus, das Feld, die Tiere und nicht zuletzt ihre zwei Kinder zu versorgen. Nein, sie konnte nicht fort.
Ihr von Gram gezeichnetes Gesicht blickte in die blutrote Sonne.
„Du fragst Dich, wer sich um Großmutter kümmern wird, wenn nicht Du.“ An ihrer Seite stand Rosaja - Kerissas älteste Tochter.
Sie wurde von den anderen Dorfbewohnern gemieden. Sie war immer sehr still gewesen und wenn ihre grünen Augen jemanden betrachteten, schien Rosaja dessen Gedanken zu kennen. Man sagte, sie hätte die Fähigkeiten ihrer Großmutter, die eine in den Bergen Akrons bekannte Hexe gewesen war.
So war ihre Großmutter auch der Grund dafür, das Rosaja - welchen Namen sie ihrem Haar verdankte, das so rot war, wie die aufgehende Sonne - an diesem Frühlingsmorgen, bereits auf den Beinen war.
„Mutter, lass mich nach Sulanis gehen.“
Kerissa mochte diesen Gedanken nicht. Doch sah sie die Entschlossenheit in Rosajas Augen, so dass es wohl keinen Sinn hatte, es ihr ausreden zu wollen. Stattdessen sah sie sorgenvoll auf die nebelverhangenen Berge. Sie liebte das Mädchen und hatte sie die 16 Jahre seit ihrer Geburt, gleich ihrem Augapfel gehütet. Rosaja jedoch war ohne Furcht. So gab ihr die Mutter als Proviant den Kuchen, den sie an Vorabend gebacken hatte und eine Flasche mit Wein, denn noch immer waren die Nächte recht kalt. Und sie gab ihr ein Beutelchen aus Leinen, in welchem sich Kräuter befanden, die ihrer Großmutter helfen sollten. Rosaja tat alles in ihre Tasche, sagte ihrer Mutter und ihren Geschwistern Lebewohl und zog von dannen.
Der Tag verging schnell, denn der Weg war mühsam und so war die Dunkelheit ihr eine willkommene Freundin. Sie hatte eine kleine Höhle gefunden, wo sie sich niederlegen und ausruhen wollte. Die Höhle schien verlassen. Das Lager darin war seit Jahren unbenutzt. Doch das Gras und die Blätter waren trocken und sahen bequem aus.
So setzte Rosaja sich an den Eingang der Höhle und entfachte ein kleines Feuer. Sie nahm ihrer Tasche und begann den Kuchen und den Wein auszupacken - ihr war tatsächlich etwas kalt - als sie eine Stimme vernahm - dunkel und sanft, wie die Nacht selbst.
„Guten Abend, schönes Kind. Was tust Du allein des Nachts in diesen Wäldern?“
Ein Mann trat zu ihr ans Feuer. Er war groß und in weiches Leder gekleidet und sein schwarzes Haar fiel ungekämmt über sein Gesicht.
„Ich bin auf dem Weg nach Sulanis.“ Ihre Augen waren wie gebannt auf den Fremden gerichtet.
„Wollt Ihr Euch nicht setzen? Ihr seht hungrig aus?“
Für wahr, Gajan war hungrig, doch würde Kuchen seinen Hunger nicht stillen können. Es war ein langer Winter gewesen in dem er allein durch die Wälder gestreift war und darbte.
Und doch setzte er sich. War es doch das weiße Fleisch des Mädchens, welches ihm Appetit machte. Er nahm einen Schluck des Weines und setzte sich nah zu ihr. Seine Gestalt faszinierte Rosaja - sein ganzes Wesen. Es schien ihr, als sei ihr zum ersten Mal ein Wesen begegnet, das sie nicht ablehnte oder gar fürchtete. Mehr noch... ihr ähnlich schien. Rosaja fühlte sich auf seltsame Weise zu diesem Mann hingezogen - mehr als zu irgendeinem Mann, dem sie bisher begegnet war.
Seine Augen hatten die Farbe von Bernstein und in ihnen spiegelten sich die tanzenden Flammen. Noch immer sah sie ihn an - ihr Blick streifte über seine Gestalt - Zentimeter um Zentimeter. Sein Gesicht war ernst, sein Lippen schmal. Die schlanken Hände, die ein Stück ihres Kuchens hielten, welches er halbherzig betrachtete, endeten in Krallen. Doch Rosaja erschrak nicht. Vielmehr weckte es ihre Neugierde noch stärker als zuvor.
„Und wohin führt Euer Weg?“ Ihre Augen flammten in grünem Feuer.
Er überlegte kurz, kaum einer Antwort wegen. Vielmehr eine Möglichkeit, sie auf andere Gedanken zu bringen, auf das sie nicht weiter fragte.
„Dorthin, wo er einst enden wird.“ Er machte eine Pause.
„Dieses Sulanis - Was willst Du dort?“
„Zur Mutter meiner Mutter - sie ist erkrankt, bereits im Winter...“ Warum erzähle ich ihm das? Fragte sich Rosaja, die selbst über ihre Offenheit erstaunt war. Gajan merkte ihr Zögern und fürchtete, sie könnte Verdacht schöpfen.
„Ich glaube, es wird bald an der Zeit sein, sich zur Ruhe zu begeben.“ sagte er als gleich und legte sich auf das Lager. Kurz darauf legte auch Rosaja sich nieder. Gajan merkte, wie sie fror und legte sich dicht neben sie. Ihr Herz wurde schneller. Seine Wärme war angenehm - mehr als das, und doch ließ die Erschöpfung des Tages sie bald einschlafen.
Sie schlief unruhig und als sie am Morgen erwachte, war das Feuer erloschen und sie war allein. Ein wenig traurig setzte sie ihren Weg, der an diesem Tag nicht leichter werden sollte, fort.
Die Gegend war felsiger geworden. Schroff und grau ragten sie aus dem dichten Grün des Waldes. Rosajas Augen blickten weit in die Ferne - der Sonne hinterher, die im Westen über dem Dorf Sulanis stand und es in einen blutroten Schein tauchte.
Doch nicht nur die Sonne. Auch die scharfen Zähne eines Wolfes hatten blutende Wunden in das Dorf geschlagen. Einige der Lämmer waren verschwunden und die Bauern hatten die Spur eines sehr großen Wolfes entdeckt.
Doch von alle dem wusste Rosaja, die auch an diesem Abend einen geeigneten Schlafplatz gefunden hatte und nun dabei war erneut ein Feuer zu entzünden, nichts.

Irgendwie hoffte sie, ihr nächtlicher Besucher würde zurückkehren. Auch wenn sie immer noch verdrossen war, da er ohne ein Wort des Abschieds verschwunden war. Bedächtig pachte sie die Flasche mit dem Wein und zwei Stücken Kuchen aus und blickte sehnsüchtig in die ihr so vertraute Finsternis. Und er kam.
„Sei mir gegrüßt, schöne Fremde.“
Rosaja lächelte, als er aus der Dunkelheit trat und sich sogleich zu ihr setzte.
In dieser Nacht war er satt. Und doch war er wiedergekommen. Wohl hatte ihn Rosajas Anblick ebenso gefesselt, wie sie der seine. War sie doch eine Sterbliche und obwohl sie ihn erkannt zu haben schien, teilte sie doch ohne Furcht ihr Lager mit ihm. Und nun erwartete sie ihn mit leuchtenden Augen.
„Ich weiß immer noch nicht, wer Ihr seid.“
Gajan sah sich in einer seltsamen Lage. War er doch wiedergekommen um mit ihr zu reden, und nun, da sie ihn fragte...
„Man nennt mich Gajan...“ Für einen Augenblick hob er noch einmal zu sprechen an - doch verstummte sofort wieder. Rosaja begriff, dass er nichts über sich erzählen wollte und irgendwie hatte sie es erhofft. Waren es doch gerade all diese Geheimnisse, die ihn so interessant machten. Wohl fürchtete sie auch, er könnte ein Mann sein, wie jeder andere in ihrem Dorf es auch war. So lange er schwieg, blieb er etwas Besonderes. Nun begann sie zu erzählen und er blieb in diesem bizarren Schweigen, welches sie so sehr faszinierte und hörte zu. Bis sie, wie auch in der Nacht zuvor in seinen Armen einschlief.
Und wie am Morgen zuvor erwachte sie allein. Gajan war seiner Natur gefolgt - hinab ins Dorf.
Während Gajan und Rosaja die Nacht eng umschlungen geschlafen hatten, waren die wenigen Männer, die noch in Sulanis waren - vorwiegend Kinder und Greise - zusammengekommen, um sich auf den Tag vorzubereiten, ihre Gewehre zu laden, ihre Herden zu schützen und den Wolf zu töten.
Die Jäger lagen seit den frühen Morgenstunden auf der Lauer. Langsam näherte Gajan sich den Weiden. Irgendetwas schien ihm seltsam an diesem Morgen. Es war so ruhig. Kein Laut drang vom nahen Sulanis herüber, obwohl der Wind günstig stand.
Sein Gefühl konnte ihn nicht täuschen. Mit einem Satz drehte er um. Sein Augen blickten in den freudestrahlenden Blich eines Jungen.
„Großvater, ich habe ihn!“ rief er lauthals durch den Wald, das Gewehr auf Gajan gerichtet...
... und schoss.
Das Metallstück bohrte sich in seine Schulter. Der Schmerz durchfuhr ihn. Mit letzter Kraft hob er zum Sprung an. Seine Krallen rissen Bäche aus Blut in seine Kleidung und in das zarte Fleisch, welches sich darunter verbarg. Zu gern hätte er an ihm seinen Hunger gestillt, doch hörte er bereits die anderen näher kommen. Vor Schmerzen aufheulend rannte er in den Wald.
Aus den Fetzen aus Fell und Fleisch - an jener Stelle, die einmal seine Schulter gewesen war - rann Blut durch sein schwarzes Fell und zeichnete eine schmale Spur im Sand, welche sich irgendwo im Wald verlief.
Rosaja war sehr traurig, als sie am Morgen weiter zog. Ihre Augen rot von Tränen ging sie den schmalen Fad entlang, bis sie auf einmal ein seltsames Geräusch hörte.
Es war, als bitte irgendetwas um Hilfe. Rosaja drehte sich um und erschrak. Etwas weite im Gras lag ein Wolf. Das Gras um ihn herum war rot vom Blut. Sein Körper zitterte und Schmerz brannte in seinem Blick.
Das Mädchen kniete sich neben ihm nieder, ohne zu wissen, wer es war, dem sie half. Es war noch früh am Morgen und sie war noch nicht sehr weit von der hohlen Eiche entfernt, in der sie die Nacht verbracht hatte. Dorthin würde sie ihn bringen.
Sie erinnerte sich an die heilenden Kräuter, welche ihr ihre Mutter mitgegeben hatte und an all das, was sie einst von ihrer Großmutter hatte. Er würde wieder gesund werden.
Der Tag war rasch vergangen und der Schmerz in seinen Augen wandelte in Angst vor der Veränderung, die sein Körper früher oder später annehmen würde. Rosaja saß neben ihm.
„Hab keine Angst - Du wirst wieder gesund. Ich weiß, man hat Dich zum Gejagten gemacht, mein stolzer Jäger.“ Der Wolf vor ihr erinnerte sie auf seltsame Art und Weise an den Fremden, der ihr des Nachts erschienen war. Wohl hatte sie deshalb keine Angst vor ihm. Und wie sie ihn betrachtete, formten ihre Lippen ihre Gedanken zu einem Namen.
“Gajan”
Er erschrak. Und doch fasste er in diesem Augenblick Mut. Gajan spürte, wie er begann sich zu verändern und er wünschte, er wäre in seiner Wolfsgestalt geblieben.
Rosaja ging zwei Schritte zurück und presste ihren Körper an die Innenwand des Baumes. Das Entsetzen packte sie für einen kurzen Augenblick. Doch dann betrachtete sie ihn voller Neugierde bis er dann vor ihr lag, wie sie ihm in jenen Nächten begegnet war. Ihre Großmutter hatte ihr von den Wolfwern erzählt. In ihren Augen sammelten sich Tränen. Sie bedauerte ihn, wie er so hilflos vor ihr lag. Flehend sah er sie an. Er wusste nicht, wie sie reagieren würde. Die meisten Menschen würden davonlaufen oder gar versuchen, ihn in dieser Situation zu töten. Doch Rosaja setzte sich wieder zu ihm.
“Gajan, ich ...“ Ihre Stimme ertrank in ihren Tränen.
„Deine Wunde wird bald geheilt sein.“ Gajan legte sanft einen Finger über ihren Mund um ihn gleich darauf mit seinen Lippen zu versiegeln...

Rosaja erreichte Sulanis in Begleitung eines großen schwarzen Wolfes.
Ihre Großmutter stand auf eine Krücke gelehnt vor ihrem Haus. Die Männer waren hinaus in den Wald gezogen, um den Wolf zu finden, der ihnen entwischt war.
„Der Wolf ist bei Dir, Rosaja?“ Ihre Großmutter seufzte.
„Ich hätte es wissen müssen - Es konnte nur ein Wolfwer sein.“ Ihre Augen musterten Gajan mit einem gewissen Respekt, wehrend Rosajas Hand fester in sein Fell griff.
„Man sagte, Du wärest krank. Also bin ich gekommen, nach Dir zu sehen.“
„Geh! Ehe man Dich sieht, Wolfwer. Du hast Unheil über dieses Dorf gebracht. Und Du Rosaja - Komm ins Haus. So man Dich mit dem Wolfwer sieht, wird man Euch beide töten.“ Rasch öffnete sie die Haustür, als sie hinter sich eine Stimme vernahm.
„Da ist die Bestie. Du hast meinen Sohn getötet!“
Gajan drehte sich um. Hinter ihm stand eine Frau mit einem Gewehr auf ihn gerichtet. Es war dasselbe Gewehr. Rosaja kniete sich in den Sand und umarmte Gajan.
„Nein, Du darfst ihn nicht erschießen!“ flehte sie. Doch die Frau legte an und...
…Rosajas Großmutter ließ den Stock fallen und stieß Rosaja und Gajan zur Seite...
…Und der Schuss traf sie. Die Frau blieb wie versteinert stehen. Sie versuchte zu begreifen, was sie getan hatte.
Während dessen verschwanden Rosaja und Gajan im Wald und weder ein Mensch noch ein Wolfwer haben sie je wieder gesehen.
Es heißt, die Menschen würden diese Geschichte so oder so ähnlich ebenfalls erzählen - ebenso wie wir.

Ende