Willkommen im Traumwald
Mythen und Märchen

Frau Holle

Weihnachtszauber

Die Nacht senkte sich langsam über den Wald. Hierher kam sie viel früher als in die hellerleuchteten Straßen der Städte.
Ein blaues Glitzern zog durch das Unterholz als stummer Vorbote des Zaubers, der bald diesen Ort erreichen würde. Hier und da wirbelte Schnee auf und fing das silberne Mondlicht obwohl der Wind gespannt wartend die Luft anhielt.

Wie alles in diesem Wald. Die Bäume wagten nicht einen Zweig zu rühren… Nur eine kleine Birke vom letzten Sommer blickte sich verstohlen um und ein kleines Käuzchen schaute von seinem Ast herunter.
Irgendwo in dem nahenden Zauber bewegte sich etwas. Etwas, das nicht in diesen Wald gehörte. Das Käuzchen sah es genau. Auch wenn es nicht wusste, was es war. Es saß da.
Agnes blickte stur in die kommende Dunkelheit. Natürlich war ihr kalt. Aber noch wärmte die dicke Jacke sie. Aber am meisten wärmte sie ihre Wut, die heiß in ihr kochte. Warum musste das Leben so ungerecht sein?


Sie hatte sich auf heute Abend gefreut. Wie jedes Jahr, sollte es ein wunderschöner Abend sein. Das Mädchen erinnerte sich an die letzten Jahre. An einen Baum voller glitzernder Lichter in ihrem Wohnzimmer.
An den Geruch von Zimtsternen und gebrannten Mandeln. An die Stimme ihrer Mutter, wenn sie in der Küche die Weihnachtslieder mitsang, welche im Radio liefen.
Sicher, jedes Jahr hatte sie ungeduldig gewartet, bis sie endlich die Geschenke auspacken durfte, hatte genörgelt, weil es wieder gebratene Gans gab. Konnte es nicht einmal ihr Lieblingsessen am Heiligen Abend geben?
Sie starrte auf eine kleine Schneewehe und dachte wehmütig an den Gänsebraten der letzten Jahre. Was würde sie jetzt darum geben?
Sie war brav gewesen. Das ganze Jahr! Nun ja, für ihre Verhältnisse. Sie hatte ihre Hausaufgaben gemacht, hatte im Haushalt geholfen, wenn sie daran gedacht hatte. Und im Sommer hatte sie sogar darauf verzichtet, ihre Lieblings-CD’s mit in den Urlaub zu nehmen, um die Nerven ihres Vaters zu schonen. Aber nichts schien dieses Jahr gereicht zu haben, um beachtet zu werden oder ein schönes Weihnachten zu bekommen. Eine heiße Träne rann über die kalte Haut ihrer Wange und gefror auf ihrer Jacke.
Wieder wirbelte etwas Schnee auf, schwebte über den Boden zwischen den schweigenden Bäumen hindurch. Die kleine Birke versuchte ihn mit ihren Zweigen zu fangen und kicherte leise. Eine weiche Hand streichelte über ihren Stamm. „Schlaf ruhig, mein Bäumchen.“, flüsterte eine Stimme. Und die kleine Birke fing an zu träumen. Vom Sommer und dem Gesang bunter Vögel.
Lautlose Schritte bewegten sich durch den Zauberwald der Weihnacht. Hier und da ein Wispern, leiser als der Wind. Die Tiere erwachten und lugten aus ihren Verstecken hervor. Ein kleines Eichhörnchen rieb sich verschlafen die Augen. „Wie geht es Dir?“ raunte die Stimme. „Gut… sehr gut… wirklich gut.“, gluckste das Hörnchen und putzte schnell seinen buschigen Schwanz glatt.
Das liebe Gesicht der nächtlichen Besucherin verzog sich zu einem Lächeln und sie ging weiter.
Das Käuzchen sah sie kommen. Aufgeregt flatterte es mit den Flügeln. Agnes blickte hoch. „Was ist denn mit Dir los?“, fragte sie den Vogel.
„Uhu“ antwortete dieser. „Klasse Antwort.“ Agnes stand da und schaute zum Käuzchen hoch. „Hey, ich bin eine Eule, was soll ich denn sonst sagen?“
Agnes schluckte. Es musste an der Kälte liegen. Auf dem Baum saß ein Vogel. Eine ganz gewöhnliche kleine Eule. „Du kannst nicht sprechen!“ sagte das Mädchen halblaut. „Kann ich doch!“, beharrte das Käuzchen.
Agnes stand immer noch da und blickte zur Eule hoch, als sie auf einmal eine Hand über ihre Haare streicheln fühlte. Erschrocken zuckte sie zusammen. „Fürchtet Dich nicht.“ Flüsterte eine sanfte Stimme hinter ihr. Agnes blaue Augen sahen sich um und blickten in ein Gesicht. Das sanfte Gesicht einer alten Frau.
„Was machst Du nur hier im Wald, kleines Mädchen?“ fragte sie sanft. Agnes setzte an und wollte der alten Frau gerade sagen, dass es ihre Sache wäre und es sie nichts anginge. Aber dann sah sie sie an und die Frau sah aus wie ihre längst verstorbene Großmutter. Sie sah aus wie jede Großmutter jedes Kindes, dass sie liebte. Sie duftete nach frischen Äpfeln, warmen Brot und ganz viel Liebe. Nach Abenden voller Geschichten und frischer Bettwäsche. Ohne nachzudenken umarmte Agnes die Frau.
„Ich will ja gar nicht hier sein. Ich wollte doch nur Weihnachten feiern wie jedes Jahr.“, schluchzte sie leise, während die alte Dame sie umarmte und über ihre Haare streichelte.
„Aber ich interessiere meine Eltern gar nicht.“ Erzählte sie unter Tränen weiter. Seit Mama das Baby erwartet, geht es nur noch um meine kleine Schwester. Und heute Morgen sind sie einfach sind Krankenhaus gefahren. Weil es der Geburtstag meiner Schwester wird.

„Doch Du wirst wieder feiern. Und auch wenn Du es noch nicht glaubst. Du bekommst ein wundervolles Geschenk heute Nacht.“ Dann holte sie eine kleine Schachtel aus ihren Rocktaschen und reichte es dem weinenden Mädchen.
„Was ist das?“
„Das ist für Dich. Mach es auf.“ Agnes öffnete die weiß lackierte Holzdose. Sie duftete nach frisch gebackenen Plätzchen. Und tatsächlich waren darin einige glitzernde Schneesterne aus süßem Gebäck.
„Nimm Dir eine.“ Agnes hatte zwar immer gelernt, nie von Fremden etwas anzunehmen, aber diese Großmutter erschien ihr so bekannt, als wäre sie ihre richtige Oma. Vorsichtig griff sie nach einem der Kekse und steckte die kleine Schneeflocke in den Mund. Sie schmeckte süß. Nach vielen Gewürzen. Aber Agnes hätte nicht sagen können, nach welchen. Und auf einmal waren ihre Tränen vergessen.
„Nimm die Dose mit, mein Kind. Und immer wenn Du so traurig bist wie heute Abend, dann iss eines der Plätzchen und denke an Frau Holle. Verwahre sie gut, sie sind kostbarer als Gold, denn sie sind gebacken mit der Liebe einer Mutter, mit Glück und mit dem hellem Lachen der Kinder.“
Agnes steckte die Dose schnell ein. Und dann nahm Frau Holle sie bei der Hand und sie gingen weiter zusammen durch den Wald.
Und dann zur Stadt hinüber. Das kleine Käuzchen blickte ihnen nach. Froh darüber diese wundervolle Begegnung beobachtet zu haben und allen davon erzählen zu können. Stolz plusterte es sich auf und blickte hinüber zu der kleinen Birke. „Sie hat alles verpasst“ kicherte sie.
Dann breitete sie die Schwingen aus und flog hinüber zu ihrer Freundin der Schleiereule. Sie hatte nur diese Nacht, in der sie sprechen konnte und sie hatte doch so viel zu erzählen….

Ende