Willkommen im Traumwald
Mythen und Märchen

der Traumspiegel 3

Assin trieb sein Pferd, sein Blick war verloren auf den Horizont gerichtet. Er hatte aufgehört, in die Pergamente zu sehen und folgte nur noch seinen Visionen und der Stimme in seinem Kopf. Es war schon lange nicht mehr der Berg Siran, den er suchte. Obwohl die Stimme in ihm klar und deutlich zu vernehmen war, fand er den Eingang zur Unterwelt der Berge nicht. Und er fragte sich, warum Nafei ihm nicht half – selbst wenn sie nur ein Traum gewesen war.
Er wusste nicht, wie lange sie schon von Magrin entfernt waren. In der Dunkelheit der Akronwälder war der Wechsel zwischen Tag und Nacht kaum wahrnehmbar. In den alten Sagen nannte man den Norden der Welt im mit den hohen Bergen und den weiten dichten Wäldern deshalb das dunkle Land. Es hieß, hier lebten die Kinder der Mondin, wie die Lichtgeborenen im Süden der Welt – im hellen Land – mit seinen weiten Steppen bewachsenen Ebenen lebten. Doch das war lange bevor es Menschen auf dieser Welt gab und der Spiegel der Göttin zerbrach.
Immer wieder hatte sich Assin gegrämt, dass sein armseliges Königreich ausgerechnet im dunklen Land liegen musste. Ihm war die Dunkelheit zuwider. Wohl ging ihm deshalb Nafei nicht aus dem Kopf, weil sie das genaue Gegenteil von allem war, was er an Akron so sehr hasste.
Fast unbemerkt im gleichbleibenden Dämmerlicht, neigte sich ein weiterer, ungezählter Tag dem Ende zu als Assin, tief verstrickt in tausende und abertausende Schichten von Träumen, Bildern und Geschichten, die ohne Anfang und Ende durch seinen trüben Geist waberten die Stimme Radans vernahm.
„Wir sind angekommen, Herr. Vor uns liegt der Berg Siran.“
Assin nickte. Er hatte den Berg längst vergessen.
„Herr, wir werden beobachtet. Sie werden nicht sehr erfreut sein, das wir hier sind.“
Erschöpft blickte Assin sich um und durch den Schleier seiner geröteten Augen erblickte er die Umrisse einiger Männer in den Schatten der Bäume In den alten Geschichten, die Assin kannte, wurden sie als Wolfwer bezeichnet. Er erkannte sie sofort: Hochgewachsen, kraftvoll und von sonderbaren nichtmenschlichen Schönheit. Er war versucht, ihr Aussehen mit dem Nafeis zu vergleichen, doch erschien es ihm im gleichen Augenblick, da er ihr Bild vor Augen hatte, absurd.
Die Soldaten kannten die alten Geschichten ebenfalls. Eine Mischung aus Faszination und Angst ließ sie versteinern. Für Sekunden herrschte zähflüssige Stille.
„Greift an!“ Radans Stimme zerbrach das Schweigen.
Die Soldaten erwachten aus ihrer Starre und stürmten tosendem Geschrei ins Unterholz. Bald war der Wald um Assin herum erfüllt von Schreien und dem Geruch von frischem Blut. Zwei der Wolfwer näherten sich ihm.
Einer von ihnen hatte die Gestallt eines großen schlanken Wolfes, dessen Anmutigkeit und das Leuchten seiner Augen sein wahres Wesen verrieten. An dessen Seite bewegte sich eine Frau auf ihn zu. Sie war völlig nackt – nur ihre langen nussbraunen Haare verhüllten sie ein wenig. Trotz der Krallen an ihren Händen war sie wunderschön. So schön, das Assin für einen Augenblick vergaß, das sie sich ihm einzig und allein in der Absicht näherte, ihn zu töten.
Die Wolfwe hatten mit mehr Widerstand gerechnet, als sie den Anführer angriffen. Doch Assin war nicht darin geübt, zu kämpfen. Ohne Mühe riss ihre wolfsgestalltige Schwester das Pferd nieder und Assin fiel zu Boden.
Wehrlos ließ er ihre Krallen sein Fleisch aufreißen. Und auch wenn er es kaum für möglich gehalten hätte, senkte sich eine noch größere Dunkelheit über ihn. Das letzte was er sah, war der etwas enttäuschte Blick in den bernsteinfarbenen Augen der Wolfwe über ihm und ein plötzlich aufscheinendes Licht.
Beide der Wolfwen waren enttäuscht. Hatten sie doch geglaubt, dass der Anführer der Menschen, die es gewagt hatten, hierher zu kommen, ein großer Krieger sein müsste. Und während sie noch in ihrer Verwunderung verharrten, so leichtes Spiel mit ihm zu haben, erregte ein, in ihrer unmittelbaren Nähe aufblitzendes, Licht ihre Aufmerksamkeit. Die Gestallt einer Vaira wurde sichtbar. Mit ausgebreiteten Flügeln stand sie vor ihnen. Ihre Hände, aus deren Rücken lange Dornen stachen, erinnerten an Krallen und ihr Körper glänzte metallen im Schein der Mondin. Sie war gekleidet in ein Federkleid aus haarscharfen Klingen. Sie bot ihnen ein Bild aus längst vergangenen Zeiten, wie sie leicht geduckt dastand und lauernd die Wolfwer beobachtete. Aus der Zeit, da noch Krieg war zwischen den Nachtjägern und den Lichtfolgern. Bevor der Krieg gegen die Menschen begann. Als der Spiegel zerbrach. Seit damals war Frieden. Es war Traumzeit. Doch auch sie würde einmal zu Ende sein.
„Er gehört mir!“ sagte sie leise. Dann kniete sie sich nieder zu ihrem König, hob ihn auf ihre Arme und erhob sich mit ihm in die Höhe. Die Wolfwer blickten ihr nach und irgendetwas in Ryana sagte ihr, das dieser Kampf erst der Anfang war.
 
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Die Dunkelheit zerbrach an einem Strahl Mondlicht. Der Raum war durchflutet von silberner Kälte.
Kandira stand vor dem großen in Stein gefassten Spiegel, dessen milchiges Glas von der gleichen Farbe war wie ihre Haut.
Angespannt beobachtete Kandira den Lichtstrahl, welcher langsam begann, sich zu teilen und sich um die Silhouette einer Frau schmiegte. Sie schien vollkommen aus Dunkelheit zu bestehen. Nur ihre Augen strahlten wie das Mondlicht am nächtlichen Himmel.
„Luna, so lange hast Du mich warten lassen; an meiner Einsamkeit verzweifeln lassen.“
„Nun bin ich hier. Doch warum beklagst Du Dich? Dein Schicksal ist selbst gewählt. Warst du es nicht, Kandira, die Du die Kraft des Spiegels nutzen wolltest? Ich sehe den Spiegel nur ungern in Deinen Händen, nur liegt es nicht an mir, darüber zu entscheiden.“
„Ein Fremder wird kommen, den Spiegel zu besitzen. Ich weiß es.“
„Weil du es warst, die ihn rief!“
„Mag er ihn haben – er oder ein anderer, was spielt das für eine Rolle?“
„Dein Leben ist ein Teil des Spiegels, wie Du weißt. Und wenn er einem anderen gehört, mag er die Macht über den Spiegel haben, die Du nie hattest. Auch die Macht, Dich für immer in den Spiegel zu verbannen. Und vor allem vergiss nicht: wenn der Spiegel bricht, werden wir alle sterben.“
Kandira sank auf die Knie, sacht an den Spiegel gelehnt.
„Gibt es denn nichts, was ich tun kann?“
Luna Majai zögerte. Fast empfand sie Mitleid mit jenem Wesen, das mit Hilfe des Spiegels den Krieg zwischen ihr und dem Herrn des Sonnenfeuers geschürt und das Ende der Zeit angebrochen hatte. Seither war es ihre Strafe, ein Teil des Traumspiegels zu sein und über seine Macht zu wachen, jedoch ohne sie nutzen zu können.
„Wenn der Spiegel jenem Menschen gehört, ist es an ihm, über ihn zu wachen und Dich weiterhin bei sich zu dulden. Also gib Acht, dass kein anderes Wesen ihm wichtiger wird als Du. Sonst endet nicht nur Deine Freiheit in diesem Augenblick.“
Kandiras Augen funkelten böse bei dem Wort Freiheit. Ihr jetziges Dasein hätte sie wohl nie als Freiheit bezeichnet.
„Nie wird ihm ein Wesen wichtiger sein als ich.“
Luna Majai schloss die Augen. Der Lichtstrahl schloss sie wieder und verblasste.
„Nein Assin, kein Wesen wird Dir wichtiger sein als ich!“ Ihre Hand berührte das geschliffene Kristall und versank darin, als wäre es Wasser, bis nur noch das begierige Funkeln zweier Augen tief im Inneren des Spiegels an die hoch gewachsene Frau mit den silbernen Haaren erinnerte. Blitze zuckten über die glatte Oberfläche und bildeten die Konturen eines Bildes untermalt von einer leisen Stimme.
„Komm Assin, komm!“
 
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Das letzte, an das Assin sich erinnerte, war ein Lichtschein gewesen. Dann wart es dunkel um ihn geworden. Und nun da er wieder erwachte, umgab ihn die Dunkelheit noch immer. Aber auch der Lichtschein war noch gegenwärtig – ausgehend von dem Wesen neben ihm.
„Wo bin ich?“ Langsam raffte er sich auf und blickte in Nafeis unschuldiges Gesicht.
„In der Unterwelt Akrons. Ich werde Dich zum Spiegel der Träume bringen, Assin, auch wenn es Deinen Untergang bedeutet. Nur eines verlange ich dafür. Wenn wir Dein Ziel erreichen, erfülle mir einen Wunsch.“
„Jeder Wunsch sei Dir erfüllt.“ erwiderte Assin. „Nur bringe mich zum Spiegel der Träume, wenn Du den Weg dorthin kennst.“ Sein Herz entflammte von neuem. Er zweifelte keinen Augenblick. Er fragte nicht, was aus seinen Soldaten geworden war. Auch fragte er nicht nach ihrem Wunsch. Nur ein Gedanke zählte: der Spiegel!
Wie ein Schleier aus Nebel bewegte sie sich durch die dunklen Gänge und Assin wünschte sich – irgendwo tief in seinem Inneren – es wären noch die ihm wohl vertrauten Flure seines Schlosses. Die Tunnel gabelten und kreuzten sich und er hatte Mühe, der durchscheinenden Gestalt Nafeis zu folgen.
An die letzte Nacht erinnerte er sich nur noch, wie an einen bösen Traum. Vielleicht war es ja auch noch Nacht – oder wieder Tag. Er wusste es nicht! Es interessierte ihn auch nicht.
Alle Gänge sahen gleich aus – doch Nafei schien genau zu wissen, wohin sie wollte.
„Wir werden Nahrung und Wasser brauchen, wenn Du den Spiegel lebendig erreichen willst.“
Nafei war stehen geblieben und wartete bis Assin sie eingeholt hatte.
„Dies ist auch die Heimat der Zwerge. Früher oder später werden wir ihnen hier unten sowieso begegnen. Und dann ist es besser, wir kommen in Frieden und als Besucher.“
„Ich habe von den Zwergen gelesen. Über alle Maßen reich sollen sie sein. Wieso nur verbringen sie ihr Leben hier unten? Es hieß sie würden ein trotz allem ärmliches Dasein führen, immer weiter nach Schätzen suchen und jene hüten, die sie bereits angehäuft haben. Bemitleidenswert, wenn Du mich fragst.“
Nafei lächelte.
„Hast Du je Deine eigenen Schätze genießen können, König Assin? Bald wirst Du sehr vie ärmer leben als die Zwerge, auch wenn Dir einer der größten Schätze dieser Welt gehören wird.“
Assin schwieg.