Willkommen im Traumwald
Mythen und Märchen

Die Schneekönigin 5

 
Die Frau war im Haus verschwunden. Von drinnen hörte sie wieder Stimmen. Dieses Mal sehr viel lebendiger.
„Ich bitte Dich, gib sie uns wieder. Sie gehören nicht ins Reich des Vergessens. Noch in Tausend Jahren wird man ihre Lieder singen.“

Sie mich an! Ich habe gekämpft an der Seite meines Vaters. Ich habe ihn sterben sehen, meinen Bruder und meine Schwester ebenso. Getötet von den Deinigen. Und nun verlangst Du Balder zurück?“

Frigga weint Tag und Nacht. Ich sah Nana auf seinem Grab sterben.“
Und wer weinte um Loki?“

Sigyn trauerte um ihn und legt sich selbst die Schlange an ihr Herz, als Heimdals Schwert ihn durchstieß.“

Gerda dachte nicht weiter an sie und lief gerade zu in den Neben hinein.  Es vernebelte ihr die Sinne  wie schon am Tag davor und auch wenn sie sich vor dem Anblick der sich ihr bieten würde fürchtete, war sie doch glücklich den Neben hinter sich gelassen zu haben. Sie hatte erneut die Hecke erreicht. An einer anderen Stelle als am Tag davor. Trotzdem gab es keinen Unterschied. Einzig die toten Vögel bildeten einen Kontrast zu den dunklen ineinander verwobenen Zweigen. Aber sie wunderte sich selbst, wie viel weniger das Schicksal der Vögel sie dieses Mal berührte. Gerda betrachtete die Hecke. Sie musste doch einen Durchgang haben. Irgendwo musste sie doch hier hereingekommen sein. Sie selbst, die Herrin des Gartens, all die anderen Schatten.

Die entschied sich für eine Richtung und schritt nachdenklich an der Hecke entlang. Vielleicht eine, vielleicht zehn Minuten, vielleicht eine Stunde. Es gab keine Zeit hier. Vielleicht hatte sie die Nacht verschlafen – oder den Tag. Es gab keine Sonne keinen Mond. Nur einen bleigrauen Himmel über ihr. Die diesige Nebelluft wie tief hängende Wolken. Nichts hatte sich daran geändert, seit sie hier war. Wie aus einem anderen Raum drang plötzlich ein Geräusch zu ihr. Es schien ihr so weit weg zu sein. Aber es war das erste Geräusch abgesehen von der Stimme ihrer Gastgeberin, welches Gerda hier vernahm. Wie ein Wimmern eines kleinen Kindes. Und es kam aus der Hecke. Gerade aus vor ihr. Eine der Blüten schien sich noch zu bewegen. Das Mädchen trat näher. Tatsächlich. Es war ein kleiner brauner Vogel. Blut sickerte durch sein Gefieder und tropfte zu Boden. Seine kleinen schwarzen Augen sahen sie genau an. Bittend, flehend um sein Leben oder einen schnellen Tod.

Ich werde Dir helfen.“ Ihre schmalen Hände berührten den Vogel. Sofort versperrten die Dornen ihr den Weg und bohrten sich in ihre Finger. Die Schmerzen ignorierend versuchte sie die Dornen auseinander zu biegen, Als sie es fast geschafft hatte, geschah etwas Seltsames. Aus dem Zweig vor ihr trieb eine Knospe, öffnete sich und daraus hervor brach eine Rose. Die Blütenblätter hatten die Farbe eines Blutergusses und den süßlichen Geruch von erfrorenem Fleisch. Aber das war noch nicht das eigenartigste. In der Mitte formten sich die Blätter zu Lippen, die sie anzulächeln schienen und dann begannen mit einer klaren Stimme zu sprechen.

„Verliere keine Zeit mit dem Vogel. Er gehört uns.“ Unweit der ersten erblühte eine weitere dieser Rosen. Und sprach genau wie die erste.
Bist Du nicht Gerda, die nach Kai sucht?“ Fragte nun die zweite Rose, während überall noch weitere entstanden.
„Ja, ich suche Kai.“ Wie sie es aussprach fiel ihr erst auf, dass sie es fast vergessen hatte.
Dann lass uns den Vogel, den wir so lieben und wir sagen Dir, wie Du hier herauskommst.“

Gerda lies die blutenden Hände sinke.
„Wie? Hier scheint nirgendwo ein Ausgang zu sein.“
„Früher einmal gab es hier einen Fluss. Breit war er, der Gjöll und ein großer Hund bewachte in mit seinen vier Augen. Nur die Toten kamen herüber auf einer goldenen Brücke. Aber die Brücke brannte dereinst und dass Wasser verdampfte im Weltenbrand. Nur wir Dornen sind noch hier, behüten jene die vergessen werden. Es gibt nur einen Ausgang und der ist im Haus der Hel. Geh hin und suche ihn. Schnell, bevor Du vergisst, weshalb Du hier bist.“ Ohne noch einen Augenblick zu zögern, lief Gerda wieder in den Nebel zurück. Sie schenkte den Apfelbäumen und den blauen Rosen ebenso wenig Beachtung wie den Schatten, die sich an ihnen erfreuten. Ein Schritt vor den anderen durch den süßen Neben.
Da war es wieder, das kleine Haus aus Knochen. Und auch vor diesem fürchtete sie sich jetzt weniger als beim ersten Mal. Sie ging auf die Tür zu und öffnete sie. Es war innen noch unglaublicher als alles andere, was sie hier gesehen hatte. Gerda stand in einem unglaublich großen Saal. Drei riesige Kronenleuchter aus Beckenknochen und Schädeln hingen von der Decke. Das Wachs tropfte auf den Boden herunter auf das weißgraue Mosaik aus großen und kleinen Zähnen. In der Mitte stand ein mit menschlicher Haut überzogenes Gestell. Ein wenig wie ein Bett-Thron, mit Kissen aus menschlichem Haar gewebt. Dahinter in der gegenüberliegenden Wand befand sich eine Tür. Rechts und links waren die Wände gesäumt von etwas wie Regalen aus den Häuten von Schlangen. Kunstvoll verzieht mit Knochen von Händen und Füßen. Und darin massenweise Dinge, von denen Gerda nicht einmal wusste, was es war. Sie schaute daran entlang. Einige waren aus Holz, aus verschiedenen Metallen, einige aus Stein. Sie sah sich noch einmal um. Sie war allein in dem großen Raum. Dann betrachtete sie weiter die ungeordneten Dinge in dem Knochenregal. Auf einmal erregte etwas ihre Neugierde. Es war etwas schimmerndes Schwarzes. Ein Kleines Stück Stein, so klein, dass ihre Hand darum schließen konnte.
„Das ist eine Pfeilspitze aus einem Vulkanischen Glas.“ Sagte eine Stimme hinter ihr. Vor Schreck ließ Gerda das Objekt fallen. Hinter ihr stand Hel. Gerda hatte nicht bemerkt, wie sie hereingekommen war, zu ihr gekommen war. Und nun stand sie da, bückte sich und hob den behauenen Obsidian wieder auf.
„Weißt Du, kleine Gerda. Über viele viele Jahrhunderte haben die Menschen diese kleinen Kostbarkeiten hergestellt. Sie haben damit gejagt und manchmal auch ihren Weg gefunden. Aber heute gibt es sie nicht mehr. Und deshalb ist sie bei mir.“
Gerda sah sie immer noch verständnislos an.
„Du weißt immer noch nicht, wer ich bin.“
Das Mädchen schüttelte den Kopf.
„Dies hier ist der Nebelgarten. Hier her kommen jene, die vergessen werden. Die Helden feierten eins in Walhalla. In den heiligen Hallen. Aber jene, die lebten ohne etwas zu tun, an das sich jemand erinnerte, wurden vergessen. Wenn ihre Kinder und ihre Enkel sich nicht mehr an ihren Namen erinnerten, dann war es, als hätten sie niemals gelebt. Das, meine Kleine, ist das Gegenteil von Unsterblichkeit. Aber heute gibt es keine Helden mehr und Walhalla habe ich brennen sehen vor langer Zeit. Alles verschwindet im Nebel des Vergessens. In der Nifelhel. Hier!“
Aber ich bin nicht tot. Ich muss hier wieder weg. Ich muss nach Jötunheim.“ Die Göttin lächelte.
„Du bist nicht tot? Warum bist Du dann hier? Du kannst hier nicht weg. Wenn Du durch diese Tür gehst, wirst Du zu Staub zerfallen.“ Ihr Blick richtete sich auf die hintere Tür des Raumes.
„Aber Du wirst vergessen… wie jeder hier.“
„Nein! Ich will nicht vergessen. Ich muss das Schloss der Skadi finden“
„Skadi? Sie hat Deinen Kai? Warum nahm sie einen Sterblichen mit nach Trymheim? Ist sie schon so verzweifelt?“
„Ich weiß es nicht. Ich will doch nur Kai finden.“, schrie sie die Göttin an und rannte wieder hinaus. Sie lief einige Schritte in den Nebel hinein und setzte sich dann unter einen der Apfelbäume. Neben ihr wuchs eine Rose. Gerda atmete tief ihren süßen Duft ein. Wie Kaminfeuer, alte Geschichten und der Geruch von Bratapfel. Just in diesem Moment fiel ihr ein silberner Apfel in den Schoß. Und noch immer mit der Erinnerung an den Bratapfel ihrer Großmutter biss sie in die Frucht. Sie schien ihr noch süßer als beim ersten Mal. Aber wie beim ersten Mal wurde sie müde. Ihre Lieder wurden schwer und im nächsten Moment schlief sie ein.  Wieder ohne jeden Traum. Einfach nur ein tiefer Schlaf…Endlos lang. Der Nebel schluckte die Zeit ebenso wie jedes Geräusch. Und in ihm verschwand jedes Leben. Dieses Mal schlief sie noch länger als beim letzten Mal.


Irgendwann wachte sie auf. Der Himmel war immer noch bleigrau. Sie sah auf ihre Hände wie beim ersten Mal. Ein Schrecken durchfuhr sie. Sie waren grau wie der Himmel.  Sie griff nach ihrem Zopf. Auch ihre Haare waren grau. Aber welche Farbe müssten sie haben? Gerda versuchte sich zu erinnern. Aber da waren nur noch Bruchstücken. Ein Kaminfeuer und eine alte Frau. Rosen. Eine große Stadt. Und zwei liebe Augen, die etwas wie Sehnsucht in ihr weckten.
Wie sie überlegte, stand sie auf und ging Schritt für Schritt durch den Nebel. Da war etwas. Wo sie hinwollte. Was sie suchte. Finden wollte. Musste. Aber in ihrem Verstand war ebenso viel Nebel wie um sie herum.
Dann stand sie wieder vor dem Haus. Nur ein Haus. Aus irgendeinem grauen Material. Und davor eine Frau mit dunkelroten Haaren.
„Ich wollte irgendwo hin. Ich wollte weg hier.“
„Morgen, meine Kleine, wenn Du richtig ausgeruht bist. Dann zeige ich Dir den Weg.“ Gerda sah sie an, aus grauen Augen.
„Ja.“, hauchte sie und sie lief zurück in den Nebel zu den anderen Schatten, denen sie immer ähnlicher wurde. Weiter und weiter. Rings um sie die blauen Rosen und die silbernen Äpfel.
Sie war völlig versunken in ihre Träume. In Erinnerungen an belanglose Bruchstücken ihres Lebens. Als sie auf einmal auf ein Geräusch aufmerksam wurde. Ein wimmerndes Krächzen. Immer wieder. Die ersten Male hatte sie noch versucht nicht hinzuhören. Keiner der anderen Schatten schien es bemerkt zu haben. Aber es war doch zu gegenwärtig. Es war realer als der ganze Garten um sie. Also ging sie langsam darauf zu. Erneut fand sie einen Weg aus dem Nebel. Zurück zu der Dornenhecke.
Dort hatte sich ein großer schwarzer Vogel verfangen. Er wehrte sich, schlug mit den Flügeln und krächzte laut. Gerda trat näher und streichelte seinen Kopf. Es war ein Rabe. Seine schwarzen Augen blickten sie traurig an und er legte seinen Kopf in ihre Hand. Wieder begannen die Dornen aufzublühen.
„Lass uns den Vogel kleine Gerda. Du willst doch den Vogel nicht. Du willst doch weg hier. Hast Du die Tür in Eliudnir nicht gefunden?“
Die Tür? Sie ist verschlossen für die Toten.“ Gerdas Hände mühten sich nur mäßig mit den Dornen. Denn die Gleichgültigkeit kehrte zurück.
„Aber Du bist nicht tot.“, vernahm sie auf einmal die Stimme des Raben. „Du suchst Kai.“ Noch mehr kuschelte er sein Kopf in ihre Handfläche. Wobei eine Träne ihre Haut berührte. An dieser Stelle verschwand das Schattengrau. Verwundert sah Gerda auf den schwarzen Vogel.
Ich bin Munin. Und ich habe alle Deine Erinnerungen, die Du gerade dabei bist zu vergessen. Kai, den Du liebst, ging mit des Sturmriesen Tochter. Und Du mutiges Mädchen wolltest ihr folgen in die Unterwelt.“
Mit jedem Wort, das er sprach kam die Erinnerung zurück zu ihr. Aber seine Stimme wurde schwächer. Die Dornen bohrten sich tiefer in sein Fleisch. Blut rann über ihre Hand. Gerdas Verstand war langsam wiedergekehrt und sie riss nun heftiger an den Zweigen. Sie spürte die Dornen und mit ihnen die Schmerzen, die all diese toten Vögel gefühlt hatten.
„Bitte lass uns den Vogel. Gerda. Wenn Du den Apfel der Iduna isst, kannst Du durch die Tür gehen. Beeil Dich, bevor Du wieder vergisst.“ Der Aasgeruch der Blüten wurde immer widerlicher.
„Dieses Mal nicht! Ich werde gehen, aber nicht ohne diesen Vogel.“ Wieder riss sie an der Ranke um die Umklammerung zu lösen. Munin flatterte und mit einem letzten Ruck kam er frei.
„Ich danke Dir.“, krächzte er schwach. „Hüte Dich davor im Nebelgarten etwas zu essen oder an einer Blüte zu riechen!“ Dann verlor er in ihren Armen das Bewusstsein.
Gerda beeilte sich durch den Nebel zu laufen. Sie wagte kaum zu atmen. Hinter ihr hörte sie das Flehen der Dornenrosen. Einmal, als sie sich zu ihnen umsah, bemerkte sie einen Schatten vor sich nicht und lief direkt durch ihn hindurch. Es lies sie vor Entsetzen erzittern. Aber sie lief weiter bis sie wie schon an den Tagen davor an dem Haus aus Knochen ankam.

Noch einmal trat sie ein. Den Apfel der Iduna sollte sie essen. Sie blickte sich um. In den langen Regalen. Als erstes fand sie die Pfeilspitze wieder. Ohne weiter darüber nachzudenken, steckte sie sie ein. Aber es war nicht das wonach sie suchte. Und sie musste sich beeilen. Irgendwo weiter hinten leuchte etwas golden. Schnell ging sie darauf zu. Es war ein Apfel. Aus Gold, wie seltsam. Es kribbelte in ihren Fingerspitzen als sie ihn berührte.

„Nimm ihn nicht. Er ist vergessen.“ Hörte sie die Stimme der Göttin hinter sich. Schnell drehte sie sich um.

„Aber nur so komme ich hier fort. Ich muss doch Kai finden.“ Dann sah sie den Raben im Arm des Mädchens.

„Das ist Munin.“ Sie streichelte sein Gefieder. Ihre Miene verwarf sich in Falten. Sie dachte nach und bewegte sich dabei nicht einen Hauch. Dann sah sie wieder auf das Mädchen. Vorsichtig nahm sie ihr den Vogel ab.

„Gib mir den Apfel. Ich hätte nicht gedacht, dass ich ihn einmal brauchen würde.“ Gerda verstand nicht. Aber sie war zu durcheinander, um etwas zu hinterfragen und reichte ihr einfach den Apfel. Hel biss hinein und zerkaute das strahlend weiße Fruchtfleisch. Die angebissene Frucht gab sie dem Mädchen zurück. Dann spuckte sie den Brei aus und in den leicht geöffneten Schnabel des Raben. Erst geschah gar nichts. Dann schluckte der Vogel. Seine Flügel bewegten sich und er öffnete wieder die Augen.

„Danke.“ Krächzte er leise.

„Hier, nimm ihn. Er muss heim nach Asgard. Iss den Rest vom Apfel und geh durch die Tür.“
„Warum lässt Du mich gehen?“
„Hohl Dir Deinen Kai zurück und wenn sie Tränen aus glitzerndem Eis vergisst, erinnere sie an die Schlange über dem Haupt meines Vaters.“

Gerda tat, was ihr geheißen wurde. Der Apfel schmeckte anders als die silbernen Früchte im Garten des Vergessens. Nicht süß, aber irgendwie berauschend. Und er machte nicht müde, sondern wundersam wach. Als hätte sie bis jetzt ihr ganzes Leben geschlafen. Und auf einmal öffnete sich auch die knöcherne Tür.  Gerda hatte damit gerechnet die Berge zu sehen, in denen sie gefallen war, bevor die Göttin sie fand. Aber die Welt hinter der Tür war ihr fremd. Nicht nur, weil sie noch nie dort gewesen war, sondern weil alles dort eine völlig eigene Atmosphäre hatte. Jede Blume schien bunter zu sein, jeder Baum strahlte warm. Das Gras sah so frisch aus, als wäre es eben mit noch nasser Farbe gemalt worden. Die Tautropfen glitzerten wie kleine Regenbögen.

Beeil Dich, Gerda. Bring Munin nach Hause.“

Sie hätte es ihr nicht sagen müssen, denn ihre Füße trugen sie bereits unaufhaltsam auf die Tür zu. Bis sie hindurchtrat. Lauer Wind wehte ihr entgegen. Und ohne dass sie es merkte, oder auch nur Notiz davon nahm, schloss sich die Tür hinter ihr wieder und war verschwunden. Sie war in Asgard.